Der neue Handball- Bundestrainer Alfred Gislason – der Gegenentwurf zu seinem Vorgänger

Geht seine Aufgabe beim Deutschen Handballbund hoch motiviert an: Der Isländer Alfred Gislason. Foto: dpa/Julian Stratenschulte 14 Bilder
Geht seine Aufgabe beim Deutschen Handballbund hoch motiviert an: Der Isländer Alfred Gislason. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Christian Prokop war chancenlos. Der Deutsche Handballbund sah die kurzfristige Chance, seinen Wunschkandidaten Alfred Gislason zu bekommen – und griff zu. Ob das Bundestrainer-Amt für den Isländer tatsächlich zum Traumjob wird, muss sich zeigen.

Sport: Jürgen Frey (jüf)
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Hannover/Stuttgart - Das Zitat ist schon einige Jahre her: „Ich habe immer gesagt, dass ich eines Tages eine Nationalmannschaft trainieren möchte. Und da ist die interessanteste der Welt die deutsche.“ Der Satz stammt von Alfred Gislason, damals noch in Diensten des THW Kiel. Bei seiner Präsentation als neuer deutscher Handball-Bundestrainer am Freitag im Maritim Airport Hotel bei Hannover hat der 60-Jährige nun bestätigt: „Es ist ein Traumjob, für Deutschland zu arbeiten.“ Die Augen von Gislason blitzten bei diesen Worten kämpferisch.

Freund und Trauzeuge von Schwenker

Dabei war sich der Isländer mit einem anderen Verband (dem Vernehmen nach dem russischen) über ein langfristiges Engagement bereits einig gewesen. Am Montag kehrte er von den Verhandlungen zurück. Kurz nach der Landung hatte Gislason einen langjährigen Weggefährten aus gemeinsamen Kieler Zeiten am Handy: Uwe Schwenker, Präsident der Handball-Bundesliga (HBL) und Präsidiumsmitglied des Deutschen Handballbundes (DHB). „Wir müssen reden“, sagte Schwenker zu seinem Kumpel und Trauzeugen. Sie redeten, und die grundsätzliche Bereitschaft von Gislason, das Amt zu übernehmen, kam schnell. Noch am Montagabend traf das zehnköpfige DHB-Präsidium die Entscheidung, sich von Christian Prokop zu trennen. „Ende der Woche wäre Alfred nicht mehr zur Verfügung gestanden“, räumt Schwenker den Zeitdruck ein.

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Und auch wenn es keiner offen aussprach: Hätte Gislason nicht zur Verfügung gestanden, Prokop wäre noch immer Bundestrainer. „Situationsbedingte Strategieänderung“, nannte Schwenker das Vorgehen und ergänzte: „Wir mussten pragmatisch handeln.“ Er sprach von einem „Philosophiewechsel“. Weg von einem unerfahrenen Systemtrainer-Talent hin zum charismatischen Erfolgscoach, der im Sport bereits alles erlebt hat, hin zum Gegenentwurf eben.

Hanning beugt sich der Mehrheit

Als Schwenker, das alles erzählte, saß Bob Hanning zwei Plätze weiter auf dem Podium und hörte aufmerksam zu, mit starrem Blick. Seine Antworten auf die bohrenden Fragen waren, für seine Verhältnisse, ungewohnt einsilbig. Ob er, der Prokop 2017 praktisch im Alleingang durchgesetzt hatte, sich vom Präsidium bei der Entscheidung gegen den Trainer übergangen fühlte? „Nein, tue ich nicht“, antwortete der 51-Jährige. Ob er an seinen Rücktritt gedacht habe, wie ihn etwa Ex-Nationalspieler Christian Schwarzer unmissverständlich gefordert hatte? „Nein“, lautete die Antwort. 2018, als Prokop nach dem EM-Debakel auf der Kippe stand, da habe er sein eigenes Schicksal mit dem des Bundestrainers verbunden. Diesmal aber nicht. Hanning: „Die Mehrheit im Präsidium war der Meinung, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit mit Alfred Gislason höher ist, als mit Christian Prokop, das gehört in einer Demokratie dazu.“

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Schon zuvor hatte Schwenker eingeräumt, dass die Außendarstellung rund um den Trainerwechsel „mehr als unglücklich“ gewesen sei. Selbst Hanning gab zu: „Wir haben das definitiv nicht so gelöst, wie es einem solchen Verband gerecht werden sollte.“ Andere drückten es weitaus drastischer aus. „Ich schäme mich für unseren Verband, er gibt gerade ein erbärmliches Bild ab“, sagte Karsten Günther, Manager des Bundesligisten SC DHfK Leipzig. Schwenker nahm die Hauptzielscheibe der Kritik in Schutz: „Hanning ist ein Motor für unsere Sportart, die Liga steht hinter ihm. Er ist sehr wertvoll. Wir wollen ihn nicht stutzen.“ Wobei die Milde sicher auch mit dem absehbaren Ende von Hannings Wirken beim DHB nach der Wahlperiode 2021 zu tun hat.

Vertrag bis 2022

Mit dem neuen Bundestrainer wird dagegen mindestens bis 2022 geplant. Gislason geht die Herausforderung hoch motiviert an. „Nach drei, vier Monaten hatte ich die Schnauze voll von Pause“, sagte der Hobby-Angler und -Historiker mit dem Faible für spanischen Rotwein und dunkle Schokolade. Er kündigte schnelle Gespräche mit den Vereinen und den Nationalspielern an. „Ich werde versuchen, eine Dynamik zu entwickeln.“ Er werde aber „sicherlich nicht alles auf den Kopf stellen. Wir haben ein sehr homogenes Team. Ich werde auf dem aufbauen, was bei der EM stattfand.“

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Am 9. März beginnt der nächste Lehrgang in Aschersleben, am 13. März (18 Uhr) steht in Magdeburg das einzige Test-Länderspiel vor dem Olympia-Qualifikations-Turnier in der Berliner Max-Schmeling-Halle (17. bis 19. April) auf dem Programm. Da zählt das nackte Ergebnis. „Nach und nach möchte ich dann etwas weiterentwickeln“, sagte Gislason, der schon immer auch ein geschickter Verkäufer des Produkts Handball war. Wie hat er seine Liebeserklärung an seine Sportart so schön formuliert? „Stell dir ein Spitzenspiel im Fußball vor, multipliziere den Faktor von Aktion, Schnelligkeit, Spannung, Taktik mit fünf, und schon kommst du auf ein Spitzenspiel im Handball. Es gibt keinen besseren Sport.“ Nun kann er diesen in seinem Traumjob Bundestrainer ausleben.

Wir haben Fotos aus der Zeit als Spieler und Trainer von Alfred Gislason zusammengestellt. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie!

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