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Deutschland Oberammergau: Loipensüchtig

Von Wolfgang Albers aus Oberammergau 

Immer am ersten Februar-Wochenende starten jeweils mehr als 4000 Teilnehmer zum Oberammergauer König-Ludwig-Skilanglauf.

Einer der kältesten Startplätze Bayerns: Beim Oberammergauer König-Ludwig-Lauf kann’s einem um die Nase herum schon mal ziemlich frostig werden. Foto: Albers
Einer der kältesten Startplätze Bayerns: Beim Oberammergauer König-Ludwig-Lauf kann’s einem um die Nase herum schon mal ziemlich frostig werden. Foto: Albers

Oberammergau - Wie lange Züge auf einem Bahnhof, so stehen Hunderte von Langläufern in acht Loipenspuren aufgereiht. „Noch zehn Minuten“, sagt der Starter über die Lautsprecher. Alle wippen, kreisen mit den Armen. Minus 15 Grad hat es, von Osten bläst ein strammer Wind direkt ins Gesicht. 23 Kilometer im klassischen Stil liegen vor den Läufern, die schnellsten wollen in einer Stunde wieder da sein - dafür haben sie sich in den engen, dünnen Rennanzug gezwängt. Da beißt der Frost. „Noch fünf Minuten“, sagt der Starter, und es klingt nach einer Ewigkeit. „Der Startplatz da draußen ist einer der kältesten in Bayern“, hat Hans Reichelt gesagt, und der muss es wissen.

Seit 35 Jahren ist er Vorsitzender des König-Ludwig-Skilanglauf Vereins, dessen Vorläufer 1968 den König-Ludwig-Lauf initiiert hat. Damals ging es über 45 und 90 Kilometer, die lange Distanz war für Frauen verboten, und vom Skaten hat noch kein Mensch geredet. Von einem Event auch noch keiner, aber genau das wurde der Lauf schnell. Schon zum Debüt meldeten sich 796 Teilnehmer an, und bald waren es immer Tausende. Eine Holzscheibe gab es für die Sieger, und auch die Weltelite war scharf darauf. Sechsmal allein holte Pauli Siitonen sich die Scheibe - das war der Finne, der das Skaten eingeleitet hatte. Aber immer war sozusagen auch das Fußvolk dabei: Anmelden darf sich jeder, der König-Ludwig-Lauf gilt als Volkslauf. Also auch für einen, der ab und zu mal auf der Schwäbischen Alb ein paar gemütliche Runden zieht? „Freilich“, hat der Hans Reichelt gesagt, „da laufen manche mit dem Fotoapparat auf dem Bauch, und andere brauchen den ganzen Tag, weil sie in jeder Wirtschaft einkehren.“ Noch zwei Minuten.

„Hey, wir kriegen unterwegs zu essen“

„Stell dich in die letzte Reihe, da san eh die Gruebigsten (die Gemütlichsten)“, hat der Oberammergauer Langlauftrainer Christoph Daisenberger dem Besucher von der Alb geraten. Aber keiner hat einen Fotoapparat umgehängt, der Alb-läufer dafür als einziger einen Rucksack auf dem Rücken. Beim Lauf der Skater hatten sich tags zuvor die Notärzte um einige Kältegeschädigte kümmern müssen. Deshalb hat er seine Skijacke mal lieber nicht in den roten Kleidersack gestopft, der vom Start zum Ziel gebracht wird, sondern zur Sicherheit in den Rucksack. Eine Holländerin wundert sich: „Hey, wir kriegen unterwegs zu essen, du brauchst nichts mitzunehmen!“. Der Startschuss kracht. Und die Post geht ab. Der Mann von der Alb muss so hinterherhetzen, dass keine Zeit zum Schauen bleibt. Eigentlich schade. Links ragt die Kuppel des Klosters Ettal auf, eingerahmt von Bergspitzen. Die Strecke des König-Ludwig-Laufs gilt als eine der schönsten.

Sie geht hinein ins stille Graswangtal, wechselt zwischen Wald und Wiesen, und eigens für den Lauf wird die Loipe durch den Park des Ludwig-Schlosses Linderhof gelegt. Aber er sieht nur, wie die Spitzengruppe schon die Gegengerade herunterschießt. Füße zusammen, die Arme rammen zum Doppelstockschub die Stöcke in den Boden. Der König-Ludwig-Lauf vergibt längst Weltcuppunkte und 23 500 Euro Preisgelder. Deshalb sind auch Spitzensportler am Start. Der Lauf gehört mit seinen 50-Kilometer-Rennen auch zur Worldloppet-Serie, in der so berühmte Skimarathons wie der Vasalauf sind. Deshalb ist das Rennpublikum international. Aus 34 Ländern kommen die Skilangläufer, die meisten sind Skandinavier und Tschechen, Kinder des Schnees und gewiss nicht hier, um gemütlich Ski zu wandern. Ein paar steile Anstiege und Abfahrten haben das Feld jedenfalls schnell mächtig auseinandergerissen.

Die ersten 30 rasen einfach durch

Kilometer 9,5. Die Dickelschwaige. Eine freie Fläche, mittendrin eine Allee, ein Forsthaus und eine Kapelle mit Zwiebelturm. Ein Stück Kalenderbild-Bayern. Daneben eine Verpflegungsstation. Der Mann von der Alb schaut sich nach dem Mann mit der Lederhose um. Von dem hat Christoph Daisenberger vorgeschwärmt: „Der hat an jedem Stand gejodelt und eine heiße Suppe gegessen.“ Aber an der Station sind nur einige Sportler auf der flotten Durchreise: Schnell eine heiße Iso abgreifen und weiter geht’s. „Die ersten 30 rasen einfach durch, die haben ihre Helfer, die ihnen was zustecken“, sagt eine Frau. Sie bietet Orangen- und Bananenstückchen auf einer Platte an. Das Obst ist so kalt, dass sie es immer wieder unter einen Heizstrahler hält.

Sie ist eine von 400 ehrenamtlichen Helfern, die den König-Ludwig-Lauf erst möglich machen. Die Startnummern ausgeben, die Strecke ausflaggen, Kleider entgegennehmen und wieder ausgeben, ständig Schnee auf einen Straßenübergang schippen, am Fuß eines kurvigen Gefälles stehen für die, die es hinausträgt, die Zeiten messen, Kässpätzle oder Red Bull ausgeben, die hohen Herren vom Skiverband Fis begleiten, die Website aktualisieren und, und, und. Eines dieser Heinzelmännchen ist auch Georg Horak, im Hauptberuf der Klärwärter der Gemeinde. Mit dem Pistenbully planiert er seit 30 Jahren die Strecke und fräst die Loipen ein. Früher hat er auch noch den Besenwagen gemacht - diejenigen eingesammelt, die zu weit abgefallen waren. Es ist mittlerweile recht einsam um den Läufer von der Alb geworden, als er durch das Weidmoos läuft, eine große gemeine Schleife, die erst schon in Sichtweite von Oberammergau führt und dann noch einmal weit abdreht. Kein Hubschrauber ist mehr in der Luft - einer hat das Rennen live bis nach Mexiko übertragen, in einem anderen saß Filmemacher Joseph Vilsmaier, schöne Bilder für einen Bayern-Film suchend. „Noch ein Kilometer“ - ein Schild mobilisiert letzte Reserven.

Die Ammer entlang, über eine Brücke, eine letzte Runde im Stadion, dann der blaue Zielbogen. Helfer ziehen dem Ankömmling einen Transponder vom Fuß, der die Zeit erfasst hat: immerhin weit unter den 13 Stunden, die sich mal ein Italiener gegönnt hat, weil er sich zwischendurch in einige Wirtschaften gehockt hat.