Die Suchtkrankhilfe und die Angst vor dem Rückfall Die Gruppe gibt ihm Kraft

Von Claudia Burst 

Der Geislinger Slavko Kesegic ist alkohol- und spielsüchtig. Er geht offen mit dieser Krankheit um. Um möglichst nicht mehr rückfällig zu werden, besucht er den Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe.

Anstoßen mit Cola statt mit Alkohol: Slavko Kesegic steht ganz offen zu seiner Alkohol- und Spielsucht. Die wöchentlichen Treffen des Freundeskreises für Suchtkrankenhilfe geben dem Geislinger die Kraft, ­seine Krankheit zu bekämpfen. Foto: Claudia Burst
Anstoßen mit Cola statt mit Alkohol: Slavko Kesegic steht ganz offen zu seiner Alkohol- und Spielsucht. Die wöchentlichen Treffen des Freundeskreises für Suchtkrankenhilfe geben dem Geislinger die Kraft, ­seine Krankheit zu bekämpfen. Foto: Claudia Burst

Geislingen - Für Slavko Kesegic aus Geislingen ist es kein Problem, monatelang keinen Alkohol zu trinken. Aber wenn er damit anfängt, dann kann er nicht mehr damit aufhören. „Ich bin ein Quartalssäufer“, benennt der 43-Jährige schonungslos seine Krankheit. Zu Hause keinen Alkohol zu trinken, das falle ihm nicht schwer, erzählt er. Aber irgendwann ziehe es ihn in die Kneipe. „Und wenn ich zwei, drei Bier getrunken habe, dann setz’ ich mich vor den Automaten.“ Ein Vermögen habe er dort schon verspielt, einmal sogar seinen ganzen Monatslohn an einem einzigen Abend.

Angefangen mit dem Trinken hat der gebürtige Kroate, der mit 13 Jahren nach Deutschland kam, als er etwa 18 war. Richtig schlimm geworden sei es während seiner Militärzeit in Kroatien. „Man denkt immer, man kann damit jederzeit aufhören. Aber das geht nicht“, sagt er.

Nach der Langzeittherapie ist Kesegic vier Jahre lang trocken

Im Jahr 2006 geht es Slavko Kesegic so schlecht, dass er sich eingesteht, süchtig zu sein – und zwar sowohl spiel- als auch alkoholsüchtig. Er kommt für 16 Wochen in Langzeittherapie. Danach ist er vier Jahre lang trocken. „Selbst bei der Hochzeit meines Bruders hab ich nur Cola getrunken“, erinnert er sich.

Aber der verheiratete Vater zweier Kinder wird rückfällig. „Irgendwie bin ich wieder reingeschlittert“, sagt er. Es wird immer schlimmer: Trinken, spielen, saufen, zocken. Sein Geld ist weg. Seine Ehe steht auf dem Spiel. Handgreiflich gegenüber seiner Familie sei er nie geworden, sagt er, und seine Frau bestätigt das. Aber laut und ständig wütend über sich selbst ist er in diesen Phasen. „Das hat mich depressiv gemacht.“ Bis heute fragt er sich, was das ist, das ihn nach Wochen oder Monaten dazu drängt, wieder in die Kneipe zu gehen. Die Antwort darauf hat er noch nicht gefunden.

Die wöchentlichen Treffen tun allen Beteiligten gut

2017 nimmt Slavko Kesegic einen neuen Anlauf, um trocken zu werden. Seine Frau droht ihm, sich sonst endgültig von ihm zu trennen. „Das hält man auf Dauer nicht aus. Das Vertrauen geht kaputt“, sagt sie. Kesegic geht freiwillig für vier Wochen ins Christophsbad nach Göppingen. Dort findet er einen Psychologen, mit dem er bis heute regelmäßig redet. Aber – und das betont er – vor allem entdeckt er dort den „Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe“, der sich wie andere Suchthilfeorganisationen den suchtkranken Patienten vorstellt. Er wird neugierig und erfährt, dass es auch in Geislingen im Haus der Begegnung einen Gesprächskreis dieser Hilfsinstitution gibt.

Gleich beim ersten Mal stellt er sich den anderen Teilnehmern vor und erzählt, wie diese auch, seine Geschichte. Ab dem dritten Mal begleitet ihn seine Frau. „Wir fühlen uns dort angenommen“, so drückt sie sich aus. Zwischen acht und 14 Männer und Frauen kommen zu den wöchentlichen Treffen, geredet wird auch über andere Dinge als nur über die Sucht. Die Treffen tun Slavko Kesegic gut. „Weil die Menschen dort dich verstehen – besser als jemand, der das Problem nicht hat“, erklärt er. Eine der wichtigsten Regeln sei die Verschwiegenheit. „Was jemand anderes erzählt, verlässt den Raum nicht“, betont er. Das und die Tatsache, dass die anderen ihn verstünden, sei der Grund, dass man sich öffnen könne und tatsächlich Dinge ansprechen, die einen „ganz tief drin bewegen“.

Die Phasen der Rückfälligkeit dauern nicht mehr so lange

Slavko Kesegic und seine Frau gehen seit fast drei Jahren möglichst regelmäßig zu den Gruppentreffen. Das bedeutet nicht, dass er nicht mehr rückfällig geworden ist. „Aber gerade dann brauch’ ich jemanden zum Reden. Dort verurteilt mich keiner“, sagt er. Die Beziehung zu seiner Frau und seinen Kindern hat sich gebessert, die Phasen, in denen er rückfällig ist, dauern nicht mehr so lange. „Im Freundeskreis ist immer jemand, der sich die Zeit nimmt, mit mir zu reden. Auch einzeln. Und ich kann anrufen, wenn ich Probleme habe. Bevor sich ein zu großer Druck aufbaut, der zu einem Rückfall führen könnte.“

Dass es während der Corona-Zeit keine Gruppentreffen gibt, kann Slavko Kesegic verkraften. „Die Kneipen und Spielcasinos haben auch zu, Gott sei Dank, deshalb geht das bei mir. Andere haben da mehr Probleme.“ Aber ansonsten ist gerade die Regelmäßigkeit, in der die Gruppentreffen stattfinden, elementar wichtig, machen er und seine Frau deutlich: Die eine Woche bis zum nächsten Treffen ohne Alkohol zu schaffen, das ist das Ziel. Bei den Treffen könne er wieder auftanken und schaffe dann eine neue Woche. „Ich will dort nicht als Versager auftauchen. Das ist meine Motivation.“

Der Freundeskreis Suchtkrankenhilfe

Der Landesverband Württemberg besteht aus 97 Freundeskreisen. Rund 400 ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich in 170 Gesprächsgruppen für mehr als 2700 Gruppenteilnehmer – unter anderem in Geislingen, Göppingen, Süßen und Laichingen. Ziel ist eine zufriedene und suchtmittelfreie Lebensgestaltung.

Im Verbund der Suchtkrankenhilfe übernehmen die Freundeskreise die wichtige Aufgabe der Nachsorge für suchtkranke Menschen sowie deren Angehörige und stabilisieren so die Behandlungserfolge von Suchtberatungsstellen und Fachkliniken.




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie