Die Witwe eines weißrussischen Oppositionsführers Der Schmerz stirbt nicht

Ludmilla Karpenko glaubt, dass ihr Mann umgebracht wurde Foto: Horst Rudel
Ludmilla Karpenko glaubt, dass ihr Mann umgebracht wurde Foto: Horst Rudel

Ludmilla Karpenko ist überzeugt, dass ihr Mann Genandi umgebracht wurde. Ein Besuch bei der Witwe eines weißrussischen Oppositionsführers.

Strohgäu: Annegret Jacobs (jac)
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Esslingen - An diesem Vormittag ist der Frühling so sehr Frühling, wie er nur sein kann. Die Vögel spektakeln, die Sonne flutet durch die Fenster. Unten im Garten blühen Narzissen und Stiefmütterchen. Doch bei sich im Schlafzimmer, an ihrem Schreibtisch, befasst sich Ludmilla Karpenko mit Themen, denen man sich eher im November widmet. „Dort werde auch ich eines Tages sein“, sagt sie und zieht auf dem Bildschirm ein Foto größer, das einen Friedhof in der belarussischen Hauptstadt Minsk zeigt. Und einen Grabstein mit der Büste eines Mannes: offenes Gesicht, kräftige Nase, spärlicher Haarwuchs. Stumm betrachtet sie das Bild. Es ist die Büste von Gennadi, ihrem Mann.

Anfang der 90er Jahre war er Bürgermeister von Molodetschno, der belarussischen Partnerstadt Esslingens. Mitte der 90er Jahre wurde er Abgeordneter des Obersten Sowjets, des weißrussischen Parlaments, und Oppositionsführer. Im April 1999 starb er plötzlich mit 50 Jahren. Offiziell an einem Hirnschlag. Für seine Familie und die Opposition ist die Ursache eindeutig: ein Anschlag mit Gift.

Wer gab den Auftrag dazu, ihren Mann zu einem Treffen mit einer angeblichen Journalistin zu locken, die ihm dort etwas in den Kaffee getan haben könnte? „Lukaschenko!“ Ludmilla Karpenko speit den Namen des belarussischen Präsidenten aus, der die einstige Sowjetrepublik seit bald 20 Jahren diktatorisch regiert. „Er ist mein Feind.“ Lukaschenko ist für sie schuld daran, dass ihr Mann tot ist. Schuld daran, dass sie seit nunmehr zwölf Jahren sein Grab nur auf Fotografien anschauen kann, die andere Leute in Minsk für sie aufnehmen. Sie hat Einreiseverbot.

Bis heute gibt es keine Spur

Ludmilla Karpenko ist im Januar 2002 nach Deutschland geflohen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits vier belarussische Oppositionelle verschwunden, unter ihnen Viktor Gontschar, Träger des Esslinger Theodor-Haecker-Preises. Bis heute gibt es keine Spur. Die Kontakte nach Esslingen haben sie letztlich in diesen Schritt einwilligen lassen. Die Witwe des oppositionellen Präsidentschaftskandidaten, die nie woanders als in Minsk leben wollte, konnte nach dem Tod Gennadis den Mund nicht halten. Obwohl ihr Mitglieder des belarussischen Regimes mehrfach bedeuteten, wenn sie nicht aufhöre nachzufragen und auf Versammlungen die Menschen aufzuwiegeln, werde sie schneller zu ihrem Mann kommen, als ihr lieb sei – auf den Friedhof. Als das nicht half, wurde, daran hat sie keine Zweifel, ein Autounfall inszeniert. In einem Waldstück raste ein Laster in den Wagen, in dem Ludmilla Karpenko saß. Mit ihren beiden erwachsenen Kindern trat die Politikerwitwe daraufhin die Flucht an. Hans-Georg Wieck, damals der Leiter der OSZE-Beobachtungsgruppe in Minsk und zuvor Präsident des Bundesnachrichtendienstes, hatte ihr dringend dazu geraten. Sie beantragte Asyl und wohnt seitdem in einer stillen Straße in einem Wohnviertel Esslingens. Dort lebt die Rentnerin von der staatlichen Grundsicherung.

Hätte Ludmilla Karpenko dem Lukaschenko-Regime gefährlich werden können? Sie guckt vom Bildschirm hoch, fast amüsiert. „Ich bin eine einfache Frau. Sehe ich gefährlich aus?“, fragt die 65-Jährige, die jünger wirkt in ihrer türkisfarbenen Bluse, dem dezenten Make-up, dem modernen Haarschnitt und ihrem offenen Blick. Wie solle denn jemand, der sich auf die rechtsstaatlichen Waffen beschränkt und mit Gesetzen argumentiert, einem Despoten gefährlich werden, fragt sie. „Und dennoch hatte Lukaschenko Angst vor mir.“

Als Beleg dafür schildert sie die Episode mit dem Denkmal. Als das Staatsoberhaupt eines Tages vor dem Haus, in dem Karpenko in Minsk wohnte, ein Denkmal einweihte, habe er ständig zum siebten Stock hochgeschaut. Dorthin, wo er sie hinter dem Fenster vermutete. Das berichteten Nachbarn später. Die Witwe selbst war zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause. Lukaschenko habe Polizisten vor ihrer Wohnung postieren lassen – ausschließlich vor ihrer Wohnung. „Er hatte Angst, dass ich versuche, ihn zu erschießen“, glaubt sie. „Er ist ein wahnsinniger Mensch.“ Aus Wut schickte sie ihm ein Paket mit einem Paar weißer Turnschuhe. Weiße Turnschuhe bringen den Tod, besagt ein belarussisches Sprichwort. Die Turnschuhgeschichte ging durch die Presse. „Sie ist noch viel gefährlicher als ihr Mann“, geiferte ein Kommentator im Fernsehen. „So ein Theater wegen einem Paar Turnschuhe“, Ludmilla Karpenko muss lachen.




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