Die Zeitzeugin Eva Erben in Esslingen Das Grauen von Auschwitz

Von Philipp Braitinger 

Die Zeitzeugin Eva Erben erzählt vor Esslinger Schülern über den Holocaust und wie ihr Kuhmist wenige Wochen vor dem Kriegsende vermutlich das Leben gerettet hat.

Eva Erben berührte mit ihrer Lebensgeschichte die Zuhörer in der Aula der Freien Evangelischen Schule. Foto: Ines Rudel
Eva Erben berührte mit ihrer Lebensgeschichte die Zuhörer in der Aula der Freien Evangelischen Schule. Foto: Ines Rudel

Esslingen - Es sind Geschichten, die den Zuhörern das Blut in den Adern gefrieren lassen. Ein Zufall ist es freilich nicht, dass Eva Erben, geborene Löwith, ausgerechnet in diesen Tagen in Esslingen über jene schrecklichen Ereignisse ihrer Kindheit und Jugend spricht, die sie auch in ihrem 89. Lebensjahr nicht loslassen.

Am 27. Januar 1945, also vor 75 Jahren, befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Zu diesem Zeitpunkt war Eva Erben allerdings schon nicht mehr dort. Sie wurde mit hunderten anderen Frauen vor dem Eintreffen der Rotarmisten in einem mehrere hundert Kilometer langen Gewaltmarsch nach Westen getrieben.

Rund 200 Schüler lauschten Erbens Lebensgeschichte

Rund 200 Schüler der Klassenstufen acht bis elf des Theodor-Heuss-Gymnasiums, des Georgii-Gymnasiums und der Mettinger Realschule lauschten am Freitag in der Aula der Freien Evangelischen Schule in Esslingen der Lebensgeschichte von Eva Erben, die in Israel lebt. An das Geräusch der Schüsse während des Marsches in der Kälte kann sie sich noch genau erinnern. „Da wusste man, jetzt ist jemand tot, auch wenn man es nicht immer gesehen hat“, sagt sie. Wer nicht weiter ging, sich hinsetzte, wurde am Wegesrand erschossen. Es muss im Frühjahr des Jahres 1945 gewesen sein. Eva Erben war 14 Jahre alt und wog noch 22 Kilogramm.

Eines Abends hätten sie auf dem Marsch in einer Scheune Halt zum Übernachten gemacht. Es sei so kalt gewesen, da habe sie sich trotz des Gestanks an eine Stelle gelegt, die vom Mist einer Kuh warm war. Vermutlich hat ihr das das Leben gerettet. „Als ich aufwachte, war ich allein“, erinnert sich die Seniorin. Die Soldaten hätten sie vermutlich vergessen. Mehr tot als lebendig habe sie sich zu einem Dorf geschleppt, wo sich Anwohner um sie kümmerten. Der Krieg ging in den nächsten Wochen zu Ende.

An ihre Kindheit in der ehemaligen Tschechoslowakei hat Eva Erben, Jahrgang 1930, zunächst gute Erinnerungen. Die Familie sei wohlhabend gewesen, habe ein Dienstmädchen gehabt. Der Vater habe als Chemiker gearbeitet. „Das Leben war organisiert, alles war normal und schön“, sagt sie über ihre ersten Kindheitsjahre.

Das alles änderte sich 1938. Sie durfte nicht mehr zur Schule gehen, Juden wurde der Eintritt in Geschäfte verwehrt und sie mussten einen Judenstern auf ihrer Kleidung tragen. Die Familie habe zunächst noch geglaubt, dass der Spuk schon bald vorbei sein werde. „Es war ein großer Fehler, so zu denken“, weiß Erben heute. Es folgte 1941 die Deportation in das Getto Theresienstadt und drei Jahre später weiter nach Auschwitz.

„Auf einmal war der Vater weg“, berichtet Erben über jene Tage ihres damals noch jungen Lebens. Dass das Rote Kreuz, die USA und viele andere Regierungen bereits damals wussten, was in Europa geschah und nicht rascher gehandelt haben, damit hadert die Seniorin noch heute. Bis nach dem Krieg hatte Eva Erben gehofft, dass der Vater vielleicht überlebt hat. Sie sah ihn jedoch nie wieder. Ihre Mutter starb noch vor Kriegsende an Typhus.

„Wir haben nichts geahnt“

In Auschwitz habe ein großes Chaos geherrscht. Am Bahnsteig ging sie an dem berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele vorbei, der aufgrund seiner Menschenexperimente zu den grausamsten Vertretern des Regimes zählte. Erfahren, wer der Arzt war, habe sie aber erst später. „Wir haben nichts geahnt“, erinnert sich Eva Erben. Sie habe auch die Schornsteine gesehen, unter denen die Massen an Toten verbrannt wurden. Sie habe damals vermutet, es handele sich um eine Fabrik.

Nässe, Kälte und Hunger habe im Lager geherrscht. Und ständig seien sie gezählt worden, quasi rund um die Uhr. „Stundenlang, das war, um uns zu quälen. Manche sind bei diesen Zählungsappellen gestorben“, erinnert sie sich. Wer nicht starb, blieb der Willkür der Aufseher ausgesetzt. Davon blieb auch Eva Erben nicht verschont. Als sie zwei linke Schuhe zugeteilt bekommen hatte, wollte sie einen der beiden Schuhe tauschen. Als sie von einem Aufseher dabei gesehen wurde, habe ihr dieser mit dem Gewehrkolben zwei Zähne ausgeschlagen.

Nach dem Krieg ist Eva Erben im Jahr 1949 nach Israel ausgewandert. Niedergeschrieben hat sie einige ihrer Erinnerungen in dem Buch „Mich hat man vergessen“. An die Schüler appellierte sie, aufmerksam politische Geschehnisse zu verfolgen. „Schaut, was sich ringsherum tut und handelt“, riet sie.