Düsseldorf Düsterboys im Merlin Stuttgart Nicht falsch, höchstens verstimmt

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The Düsseldorf Düsterboys eröffnen im ausverkauften Merlin die Pop-Freaks-Festwochen mit fantastischem Sound und einem postmodernen Verständnis der Kunstform Konzert.

Pedro Goncalves Crescenti von The Düsseldorf Düsterboys am Donnerstag im Merlin. Weitere Bilder vom Pop-Freaks-Auftakt zeigt die Fotostrecke. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 7 Bilder
Pedro Goncalves Crescenti von The Düsseldorf Düsterboys am Donnerstag im Merlin. Weitere Bilder vom Pop-Freaks-Auftakt zeigt die Fotostrecke. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Dass das Kulturzentrum Merlin in Stuttgart-West eine zuverlässige Anlaufstelle für Anhänger innovativer Popmusik ist, müsste eigentlich nicht noch einmal erwähnt werden. Wenn aber dieses Angebot so überschwänglich angenommen wird, wie es sich beim diesjährigen Pop-Freaks-Festival abzeichnet, sollte man schon darüber sprechen.

Netto fallen in der Stadt weiterhin Konzertbühnen weg; aktuell verabschiedet sich der Keller Klub. Der liegt anders als das Merlin zumindest nicht im Wohngebiet. Dazu kommt alle zwei Jahre die Diskussion um die Fördermittel, die den Betrieb solcher Kulturzentren überhaupt erst möglich machen. Schließlich spielen selbst ausverkaufte Konzerte in größeren Locations, so eines der Gesprächsthemen am Donnerstagabend, nicht mehr zwingend viel Gewinn in die Kassen.

Wenn also das Konzert der Düsseldorf Düsterboys und damit der Auftakt der jährlichen Pop-Freaks-Festwochen restlos ausverkauft ist, dann dokumentiert das den Bedarf nach einem Sound jenseits der Verkaufs- oder Spotify-Charts. Das Quartett aus Essen (nicht Düsseldorf) liefert genau das – und noch ein bisschen mehr.

Mit leiernder Orgel, aber ohne Bass klingen die Düsseldorf Düsterboys in etwa so, wie man sich eines Konzert sagen wir im Jahr 1967 vorstellt: füllig und trocken, ohne überwältigenden Rums. Dazu Schrammelgitarren, Harmoniegesang und etwas zu lange Pausen zwischen den Songs.

Keine Urlaubsfantasie bei „Teneriffa“

Ab und an überschreitet das Zusammenspiel von Gitarren und Orgel die Grenzen der popmusikalischen Tonalität. Aber gerade wenn man sich ganz leise fragt, ob sich da nicht gerade jemand verspielt, macht die Band mit einem virtuosen Schlenker deutlich, dass das schon alles so gewollt ist. Denn man befindet sich ja eben nicht auf einem vom Schlager geküssten Folkpophappening 1967, sondern in einer postmodernen Variation der Kunstform Konzert.

Natürlich soll ein Song wie „Teneriffa“ keine Urlaubsfantasien anregen und ein Boogie, in dem es wie im Songtitel angedeutet um den Genuss von „Messwein“ geht, ist auch im katholischen Nordrhein-Westfalen längst kein kalkulierbarer Skandal mehr. Immer wieder werden die oberflächlich in harmonisch seichten Gewässern segelnden Songs von den erwähnten schrägen Einschüben gebrochen. Nur ist das dann nicht falsch gespielt, höchstens sind die Instrumente ein bisschen und mit voller Absicht verstimmt.

Zwei der vier Düsterboys hat man mit ihrem Projekt International Music schon mehrfach auf der Merlin-Bühne gesehen. Auch da besingen Pedro Goncalves Crescenti und Peter Rubel mit assoziativen Texten den Sound einer vergangenen Ära; das Motiv des Debütalbums ist gewissermaßen ein Cover-Cover der selbstbetitelten The-Doors-Platte aus 1967. The Düsseldorf Düsterboys sind das Vorgängerprojekt, das nach den Erfolgen bei der Popkritik und auf den Bühnen jetzt gewissermaßen wiederbelebt wird.

Perfekter Eröffnungsact

Jedenfalls ist das der perfekte Eröffnungsact für das Pop-Freaks-Festival. Im Merlin setzt man neben popmusikalischer Innovation schon immer auch auf Kontinuität. Eben weil das Kulturzentrum sein Publikum gut kennt und Arne Hübner ein Händchen für rechtzeitiges Buchen aussichtsreicher Musiker hat, kommen die Leute wieder – zum Beispiel am Freitagabend beim lange ausverkauften zweiten Pop-Freaks-Abend mit dem österreichischen Dialektsänger Voodoo Jürgens. Gespannt erwartet die Merlin-Community die Stuttgart-Debüts von John Moods (31. Januar) und Pauls Jets (1. Februar).

Die Konzerte im Merlin sind vielleicht auch deshalb so oft so gut, weil das Kulturzentrum eine Art Safe Space für Popexperimente ist. Man merkt es am Donnerstagabend den Musikern an, dass sie sich wohlfühlen, weil sie nicht auf irgendeiner x-beliebigen Bühne ihre Songs vortragen.

So reiht sich Zugabe an Zugabe, man singt über die Loreley und macht einen Witz über Esslingen. Das Publikum, ebenfalls kein ganz unwichtiger Punkt bei Konzerten ohne jedes Showelement, bleibt bis zuletzt aufmerksam und spendet am Ende großzügig Applaus. Nicht nur die Musiker haben ihn sich verdient. Sondern auch das Merlin und jene Künstler, die für die Pop-Freaks-Abende kunstvolle Plakate erstellt haben – zu sehen vor und nach dem Konzert im Merlin-Foyer.