Dustin Hoffman zum 80. Geburtstag Einer für die schwierigen Charaktere

Ein berühmtes Motiv der Filmgeschichte: Dustin Hoffman und das Bein von Anne Bancroft in „Die Reifeprüfung“ (1967) Foto: Studiocanal 29 Bilder
Ein berühmtes Motiv der Filmgeschichte: Dustin Hoffman und das Bein von Anne Bancroft in „Die Reifeprüfung“ (1967) Foto: Studiocanal

„Die Reifeprüfung“, „Tootsie“, „Rain Man“: Dustin Hoffman hat vielen schillernden Filmfiguren eigenwilliges Leben eingehaucht. Oft schauen sie auf unnachahmliche Art ungläubig auf die Welt und das Treiben der Menschen. An diesem Dienstag feiert Hoffman seinen 80. Geburtstag.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
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Stuttgart - Er war am College durchgefallen und wollte nicht zum Militär, also schrieb Dustin Hoffman sich 1956 beim Pasadena Playhouse College ein. Dort, so hieß es, könne jeder ­bestehen. „Ich bin Schauspieler geworden, weil ich dachte, ich wäre ein Versager“, hat Hoffman später erklärt. „Weil so wenige von uns jemals Arbeit finden, konnte ich mich stolz fühlen und in Würde scheitern.“ Von wegen: Dustin Hoffman, der an diesem Dienstag seinen achtzigsten Geburtstag feiert, ist zu einem der vielseitigsten Charakterdarsteller aufgestiegen, die das US-Kino je zu bieten hatte. Keine Rolle war ihm zu groß, und auch in kleinen dominierte er mitunter ganze Filme wie in Tom Tykwers „Parfum“ (2006): Hoffman schillert derart als Pariser Parfumeur Baldini, dass darüber deutlich wird, wie blass manche andere ­Figur bleibt.

Bis er 31 war, lebte er von der Hand in den Mund.

Er gilt als Perfektionist mit einer Vorliebe für schwierige Rollen. Den heruntergekommenen New Yorker Verlierer Ratso in „Midnight Cowboy“ (1969) lässt er so hart am ­Abgrund balancieren, dass das ­Zuschauen schmerzt, und in „Tootsie“ (1982) gibt er der leichten Travestie-Nummer tragische Tiefe: Der arbeitslose Schauspieler Michael Dorsey verwandelt sich glaubhaft in Dorothy Michaels, um wenigstens an eine Frauenrolle zu kommen – doch dann verliebt er sich in eine Kollegin, und Hoffmann gestaltet das Ringen im Zwiespalt virtuos. In „Rain Man“ (1988) geht Hoffman in der Rolle des Autisten Raymond Babbit auf. In jeder kleinen ­Geste, jeder Regung lässt er den Ballast mitschwingen, den dieser in sich verschlossene Einsiedler mit sich herumträgt – bis hin zur Fixierung auf besonders unattraktive Unterhosen einer Discount-Kette. Dafür bekam er einen Oscar.

Nach dem Schauspielstudium blieb ­Hoffman nicht im Film-Mekka Los Angeles, sondern ging nach New York. Er hielt sich mit Jobs über Wasser, war Hausmeister in einer psychiatrischen Anstalt und Spielzeugverkäufer. Er teilte sich eine Wohnung mit dem damals nicht minder erfolglosen Gene Hackman. „Bis ich 31 war, habe ich unter der offiziellen Armutsgrenze gelebt“, erzählte Hoffman einmal. Theatererfolge brachten ihn zum Film, wo ihm 1967 ein Traumstart ­gelang: In Mike Nichols’ „Reifeprüfung“ (1967) spielt er Benjamin Braddock, einen College-Absolventen aus gutem Hause, der sich nach der Uni treiben lässt – und in den Armen der Mutter einer Sandkastenfreundin landet.

Hoffman ist eines der Gesichter des „New Hollywood“

Kunstvoll formt Hoffman aus dem wehrlosen Verführten einen Mann mit klarem Ziel. Am Ende entführt er seine Angebetete (Katharine Ross) vom Traualtar in einer starken Sequenz, die auf dem Rücksitz eines Nahverkehrs-Busses endet. Die Liebenden schweigend nebeneinander, und als sich ihre Aufregung legt, finden sie zu einem Lächeln, untermalt von Paul Simons Meisterwerk „The Sound Of Silence“.

„Die Reifeprüfung“, die zu ihrem fünfzigsten Geburtstag aktuell noch einmal in die Kinos zurückgekommen ist, gilt als eines der Gründungswerke der „New Hollywood“-Bewegung. Eine neue Generation von Filmemachern entzog sich Ende der 1960er Jahre dem traditionellen Eskapismus der Traumfabrik und vermaß die thematischen Möglichkeiten des Mediums neu im Licht der gesellschaftlichen Umwälzungen der damaligen Zeit. Dustin Hoffman war mittendrin.

Weil er nicht sehr groß ist, wurde er häufig unterschätzt.

Der Charakterdarsteller wählte seine Filme sorgfältig aus. In Arthur Penns „Little Big Man“ (1970), einem zynischen Anti-Western, spielte ­er einen Weißen zwischen den Welten, der die Besiedlung des Kontinents und den Völkermord an den ­Indianern verwundert ­begleitet – eine Art früher, opportunistischer Forrest Gump. In „Lenny“ (1974) verkörperte er drastisch den Comedian Lenny Bruce, der die US-Gesellschaft in den 1960er Jahren mit obszönem Humor herausgefordert hatte. Und in Alan J. Pakulas „Die Unbestechlichen“ (1976) brillierte er neben ­Robert Redford als einer der Reporter der Washington Post, die sich die Bälle zuspielen und journalistische Grundfragen diskutieren, während sie den Watergate-Skandal aufdecken.

Wegen seiner Körpergröße von nur einem Meter siebzig wurde Hoffman oft unterschätzt. Im „Marathonmann“ (1976) spielt er das ­bewusst aus als sanfter ­Student, der in eine Verschwörung um einen früheren Nazi-Arzt gerät und trotz schlimmer Folter mit dem Zahnarztbohrer am Ende als Sieger dasteht. Seinen ersten Oscar bekam er für das Scheidungs-Drama „Kramer gegen Kramer“ (1979), in dem er als verlassener Karrieremann lernen muss, für seinen Sohn zu sorgen, bis ihm dessen plötzlich wieder ­aufgetauchte Mutter (Meryl Streep) das Kind streitig zu machen versucht.

Als die Angebote ausblieben, spezialisierte er sich auf Nebenrollen.

Bei allen Erfolgen gilt Hoffman als­ ­ähnlich schwierig wie ­viele seiner Film­charaktere. Von dem Regisseur Sydney Pollack ist der Satz überliefert, er würde seinen ­Oscar für „Tootsie“ „sofort hergeben, wenn ich die neun Monate meines ­Lebens zurückhaben könnte, die ich mit Dustin beim ­Drehen verbracht habe“.

Auch Hoffman ereilte irgendwann das Schicksal alternder Stars, die Qualität der Angebote nahm ab. „Ich stand vor der Entscheidung: liften lassen oder Haare färben. Ich habe stattdessen beschlossen, dass mir alle den Buckel herunterrutschen können“, sagte er, und spezialisierte sich auf Nebenrollen. In der Polit-Satire „Wag the Dog“ (1997) sticht Dustin Hoffman heraus als herrlich überspannter Filmproduzent Stanley Motss, der einem ­angeschlagenen Präsidenten tränenrühriges Propagandamaterial liefert. Eine nennenswerte Realität existiert für diesen Motss nicht mehr – es sei denn, er hätte sie selbst inszeniert. Wie Hoffman diesen Mann frei von Selbstzweifeln in Manierismen und Marotten baden lässt, ist eine Klasse für sich.




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