Ehrenamtliche Brieftaubenaktion Briefe gegen die Einsamkeit

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Einem Unbekannten eine Freude machen: Mit einer Brieftauben-Aktion wenden sich Freiwillige an Menschen in Pflegeheimen oder Flüchtlingsunterkünften. Auch Bewohner der Diakonie Stetten haben Post bekommen.

Eberhard Winiarski, der in einer Wohngruppe der Diakonie Stetten lebt,  liest seinen  Brief immer wieder gerne durch. Foto: Gottfried Stoppel
Eberhard Winiarski, der in einer Wohngruppe der Diakonie Stetten lebt, liest seinen Brief immer wieder gerne durch. Foto: Gottfried Stoppel

Kernen-Stetten - Sie werden herumgezeigt, gerahmt, wieder und wieder gelesen: Die Briefe und Karten, die seit einigen Wochen über die Aktion „Brieftauben“ in Alten- und Pflegeheimen, Flüchtlingsunterkünften oder Behinderteneinrichtungen landen. „Ich lese mir den Brief immer wieder durch“, berichtet Eberhard Winiarski. Der 67-Jährige lebt in einer Wohngruppe für Menschen mit Behinderungen in der Diakonie Stetten.

Menschen eine Freude machen

Er habe sich sehr über die Post gefreut, erzählt er – vor allem, weil er in den vergangenen Wochen aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen keinen Besuch bekommen habe. „Daher finde ich es schön, wenn andere Menschen an einen denken“, sagt Winiarski, der einen Brief von einer ihm bis dahin unbekannten Frau erhalten hat. Sie ist eine von mehr als 400 Freiwilligen, die sich bei der Brieftauben-Aktion angemeldet haben.

Die Idee dazu stammt von der Stuttgarterin Lena Haaf. Die 31-Jährige, die ehrenamtlich mit dem Hund einer älteren Dame Gassi geht, stellte Mitte März fest, dass die Seniorin viel mehr Redebedarf hatte. „Ich dachte mir, dass sie wahrscheinlich einsam ist, weil sie durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie weniger Kontakte zu anderen Menschen hatte“, erzählt Haaf. Sie wollte etwas gegen die zunehmende Einsamkeit in den Heimen tun – und den Menschen dort eine Freude machen. Also fragte die junge Frau bei verschiedenen Einrichtungen in der Region an, darunter die Diakonie Stetten und die Caritas Stuttgart.

Schreiber geben sich große Mühe

„Anfangs dachte ich an Nachrichten über Mail oder Whatsapp, aber das ist schwierig, weil nicht jeder der Bewohner einen Zugang hat. Briefe sind das Einfachste – man kann sie schön gestalten, und jeder kann mitmachen“, sagt Haaf. Sie bewarb ihr Projekt in den Sozialen Medien und war von der Resonanz überwältigt. „Es läuft unglaublich. Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Leute mitmachen und sich so viel Mühe geben“, sagt sie.

„Man sieht, dass die Schreiber viel Herzblut investiert haben“, bestätigt auch Carina Gwinner. Sie ist Ehrenamtskoordinatorin bei der Diakonie Stetten und hat sich um das Verteilen der Briefe dort gekümmert. Gleich 47 Bewohnerinnen und Bewohner von allen möglichen Standorten der stationären und ambulanten Behindertenhilfe hätten sich Post gewünscht, berichtet sie. „Die Menschen haben sich riesig gefreut. Viele Schreiber haben erzählt, wie sie ihren Alltag in Coronazeiten empfinden, was sie vermissen, worauf sie sich freuen oder aus welchen Erinnerungen – etwa an Reisen – sie Energie ziehen“, sagt Gwinner. Den Bewohnern habe es gut getan zu erfahren, dass auch andere durch Corona Einschränkungen erlebten – und dass Menschen an sie dächten. „Ich finde, das ist eine total schöne Aktion. Dass sich Frau Haaf so engagiert, ist sehr bewundernswert“, sagt Carina Gwinner.

Weitere Einrichtungen zeigen Interesse

Inzwischen sind auch andere Einrichtungen auf die Brieftauben aufmerksam geworden: „Ich werde aktiv angeschrieben“, sagt Lena Haaf. Einige der Briefe gehen bis nach Bayern. Das Projekt nehme langsam solche Ausmaße an, dass sie weitere ehrenamtliche Helfer suche, erzählt die 31-Jährige, die von zwei Freundinnen unterstützt wird. Alle drei haben Vollzeitjobs, Haaf ist Teamleiterin des Business-Design-Teams in einer Digitalagentur.

Auch wenn die Kontaktbeschränkungen langsam gelockert werden, soll die Brieftauben-Aktion fortbestehen. „Die Thematiken wie Einsamkeit oder Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderungen sind ja immer da, sie wurden durch die Pandemie nur verschärft“, betont Haaf. Deshalb will sie unbedingt weitermachen – und sei darin auch von den Einrichtungen bestärkt worden. Dabei ist der 31-Jährigen wichtig, dass auch die Schreiber etwas zurückbekommen: „Die Leute sollen merken, dass es etwas bringt, was sie tun.“

Briefe aus ganz Deutschland

Nicht alle Empfänger seien in der Lage, zurückzuschreiben. Deshalb bekommt jeder Schreiber eine Antwort von Haaf. „Es beteiligen sich viele sehr junge Menschen zwischen 18 und 35, aber auch Familien mit Kindern und Senioren – das ist ganz bunt gemischt“, erzählt sie. Wer sich bei den Brieftauben anmeldet, bekommt zunächst einige Tipps zum Schreiben sowie die Adresse des eigens eingerichteten Postfachs zugeschickt.

Aus ganz Deutschland senden Leute inzwischen Briefe. „Wir haben sogar einen Absender von einer Nordseeinsel“, sagt Haaf. Möglicherweise bekommen einige der Schreiber bald Post aus der Diakonie Stetten: Manche Bewohner haben bereits Antworten verfasst und losgeschickt. „Wer weiß, vielleicht entwickelt sich ja ein längerer Kontakt“, sagt Carina Gwinner.




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