England bei der EM Der Trainer als Gesundbeter

Von , Krakau 

Das englische Team startet am Montag mit dem Spiel gegen Frankreich ins Turnier. Nicht nur die vielen Verletzten machen dem Trainer Roy Hodgson Sorgen.

Trainer Roy Hodgson macht auch keinen fitten Eindruck Foto: dpa
Trainer Roy Hodgson macht auch keinen fitten Eindruck Foto: dpa

Krakau - Die weiße Flagge haben die Engländer jedenfalls bereits gehisst, was allerdings nicht als schlechtes Omen zu werten ist. Schließlich wehten am Samstagnachmittag bei 24 Grad und Sonnenschein die drei blauen Wappenlöwen auf weißem Grund am Fahnenmast des Hotels Stary in Krakau. Die Nobelherberge, deren Suiten für Hodgson und seine 23 Auserwählten in dunklem Teakholz gehalten sind, liegt nur einen Steinwurf entfernt vom Rynak Glowny, dem größten europäischen Marktplatz des Mittelalters. Mittendrin also, so wie es Roy Hodgson mag. „Die Spieler sollen auch mal abschalten und einen Kaffee trinken können“, sagt der Trainer und hält es damit anders als die Niederländer und die Italiener, die ebenfalls in der 760 000-Einwohner-Stadt Krakau logieren, allerdings am ruhigen Ufer der Weichsel.

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Ihre erste Niederlage hatten sich die Three Lions bereits mehrere Monate vor dem Beginn der Euro 2012 abgeholt. Schließlich war auch der FA, Englands nationalem Fußballverband, das Hotel Dwór Oliwski bei Danzig ins Auge gestochen, in dem nun aber die deutsche Delegation residiert. Vom Norden Polens ist man in den Süden ausgewichen, wo es ebenfalls nicht an Komfort mangelt: Den Trainingsplatz am Hutnik-Stadion soll die FA für einen sechsstelligen Betrag auf englisches Greenkeeper-Niveau gebracht haben.

Hodgson Sorgen rund um seine englischen Patienten sind allerdings auch beim Anblick des gepflegten Grüns nicht kleiner geworden. „Zwischen Februar und Mai hatten wir keinen Trainer,– und jetzt gehen uns die Spieler aus“, unkt bereits der Ex-Nationalstürmer Alan Shearer, der mit sieben Endrundentreffern hinter Michel Platini der zweitbeste EM-Torschütze aller Zeiten ist. Die Hiobsbotschaften aus der medizinischen Abteilung rissen nicht ab: So fielen in der Vorbereitung zunächst die Mittelfeldspieler Frank Lampard von Chelsea und Gareth Barry (Manchester City) aus; im letzten Testspiel gegen Belgien (1:0) erwischte es dann den Innenverteidiger Gary Cahill (Chelsea), der nach einem Rempler eines Gegenspielers derart unglücklich mit dem Torhüter Joe Hart zusammen prallte, dass er sich einen doppelten Kieferbruch zuzog.

„Sportliche Gründe waren ausschlaggebend“

Am Ausfall des Defensivmannes Cahill entzündete sich gleich das nächste Problem für Hodgson: Denn anstelle des Ex-Kapitäns und 81-fachen Nationalspielers Rio Ferdinand von Manchester United nominierte der Coach, der neben Norwegisch und Italienisch auch Deutsch spricht, den 22-jährigen Martin Kelly vom FC Liverpool nach. „Für diese Entscheidung waren sportliche Gründe ausschlaggebend“, sagt Hodgson, doch in den Berichten der englischen Blätter wird hartnäckig ein anderes Bild gezeichnet. Dort heißt es, der Trainer setze vor allem auf Harmonie im Team. Die wäre möglicherweise durch eine Nominierung von Rio Ferdinand gestört worden. Der Hintergrund: der Innenverteidiger und Chef der englischen Abwehr, John Terry, soll in dieser Spielzeit Ferdinands Bruder Anton, der bei den Queens Park Rangers spielt, rassistisch beleidigt haben. Terry bestreitet diesen Vorwurf, wird sich aber nach der EM mit Anton Ferdinand vor Gericht wiedersehen.

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Nachdem das Mutterland des Fußballs bei der EM 2008 fehlte und vor zwei Jahren in Südafrika im WM-Achtelfinale an Deutschland scheiterte (1:4), stehen also auch diesmal die Vorzeichen nicht allzu gut: Zumal der Stürmer Jermain Defoe (Tottenham Hotspur) aufgrund des Todes seines Vaters kurzzeitig das Trainingscamp verließ. Der ManU-Stürmerstar Wayne Rooney ist nach seiner Roten Karte aus dem Spiel gegen Montenegro obendrein für die ersten beiden Gruppenspiele gesperrt.

Rooney kann erst gegen die Ukraine wieder eingreifen und wird von seinem Clubkollegen Danny Welbeck als einzige Spitze in einem 4-4-1-1-System ersetzt, das zumindest Terry Venables, einer von Hodgsons Vorgängern, erwartet. „Ich habe das Team bestmöglich vorbereitet“, sagt Roy Hodgson abschließend vor dem ersten Spiel, und es klingt nur verhalten zuversichtlich: „Nun setze ich darauf, dass uns ganz England unterstützt.“

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