Filmkritik „Saving Mr. Banks“ Das personifizierte Naserümpfen

Von Rupert Koppold 

1961 war es so weit: die britische Autorin P.L. Travers gab Walt Disney endlich die Erlaubnis, ihr Kinderbuch „Mary Poppins“ zu verfilmen – aber unter ihrer Oberaufsicht! Wie das zuging, erzählt dieser Spielfilm vergnüglich, wenn auch nicht ganz faktentreu.

Die Lady lässt sich nicht so leicht erweichen: Walt Disney (Tom Hanks) möchte  der pikierten P.L. Travers (Emma Thompson) sein Filmkonzept näher bringen. Foto: Walt Disney Studios
Die Lady lässt sich nicht so leicht erweichen: Walt Disney (Tom Hanks) möchte der pikierten P.L. Travers (Emma Thompson) sein Filmkonzept näher bringen. Foto: Walt Disney Studios

Stuttgart - „Ich weiß, was er anrichten wird!“, sagt P. L. Travers, die Autorin des Kinderbuchs „Mary Poppins“ – und mit dem verächtlichen „er“ meint sie den Micky-Maus-Erfinder, Medienmogul und Hollywoodproduzenten Walt Disney, der sich seit zwanzig Jahren um die Verfilmungsrechte ihres Buchs bemüht. Mrs. Travers hat die Anfragen bisher immer abgelehnt, sie will ihre Geschichte nicht aus der Hand geben. Aber die schon etwas ältere Dame ist auch ein bisschen klamm, es wird schwierig, wenn sie ihr schmuckes Londoner Häuschen behalten will. Und so reist sie im Jahr 1961 widerwillig nach Kalifornien, wo sie den ihr zugeteilten Chauffeur (Paul Giamatti) mit den Worten begrüßt, es rieche hier doch sehr nach „Chlor und Schweiß“.

Mit Wonne stürzt sich Emma Thompson als Mrs. Travers in den Kulturkampf zwischen England und den USA. Sie ist das personifizierte Naserümpfen, findet Amerika zu laut, zu bunt und zu vulgär, gibt deshalb jederzeit die sauertöpfische Lady, die jedes Lächeln in diesem Land als persönliche Beleidigung auffasst und mit einer Zurechtweisung quittiert.

Wer hat denn nun das letzte Wort?

Bei einer Tasse Tee natürlich die Milch zuerst! Wer wagt es, ihr diese grauenhaften rosa Donuts anzubieten? Und wer hat ihr Hotelzimmer in Beverly Hills zur Menagerie für geschmacklose Disney-Figuren gemacht? Resolut packt Mrs. Travers die Plüschviecher und entsorgt sie wie Ungeziefer! Dass sich Disney trotzdem weiter um Zusammenarbeit mit dieser störrischen Frau bemüht, liegt an ihrem Vertrag: Sie hat das letzte Wort!

In John Lee Hancocks Film aber hat Disney das letzte Wort, respektive seine Studios, die „Saving Mr. Banks“ verfilmt haben. Dass die Disney-Fabrik sich auch heute noch nicht mit den finsteren Seiten ihres 1966 verstorbenen Gründers beschäftigen will, darauf deutet schon die Besetzung mit dem sympathischen Tom Hanks hin. Nur ein bisschen Egozentrik darf Disney hier nachgerufen werden, wenn er es schafft, (s)einen Schnurrbart in „Mary Poppins“ anzubringen.

Bloß kein Rot und keine Animation

Dass er in Sachen „Mary Poppins“ aber besser als deren Erfinderin weiß, was die Welt wünscht, steht für diesen Film völlig außer Frage. Der Erfolg des Endprodukts, des Musicals, ist hier Beweis genug, dass Walt Disney sich zu Recht gegen Travers durchgesetzt hat.

Diese weltfremden Schrullen einer steifen, alten Engländerin! Bei der sehr vergnüglich inszenierten Arbeit mit dem Drehbuchautor Don DaGradi (Bradley Whitford) und den Komponistenbrüdern Sherman (Jason Schwartzman und B. J. Novak) erklärt Mrs. Travers zunächst kategorisch, ein Musical komme nicht infrage, Animationsszenen seien nicht erlaubt, auch die Farbe Rot müsse draußen bleiben.

Bei Widerrede gebärdet sie sich als strenge Lehrerin und setzt ihre Gäste auch mal vor die Tür. Warum diese Frau sich so aufführt? Der Film erklärt es mit ihrer Biografie, blendet immer wieder zurück nach Australien in eine Kindheit, in welcher der Va­ter (Colin Farrell) die prekäre Lage mit fantastischen Geschichten überspielt. Dieser Mann, der zum Vorbild für Mr. Banks in „Mary Poppins“ wurde, war ein familienzerstörender Trinker, seine Tochter aber hat ihn geliebt und will ihn immer noch vor übler Nachrede retten.

Alles bloß Kindheitserfahrungen

Vor allem die Rückblenden sind wie klassisches Disney-Kino fotografiert und erzählt. Alles sehr effektiv, aber auch ein bisschen simpel. Alles auch sehr klar, sauber ausgeleuchtet und sozusagen restlos inszeniert. Dazu immer wieder Hinweise darauf, dass diese oder jene Kindheitserfahrung später direkt zu dieser oder jener „Mary Poppins“-Szene wurde. Wobei es im Film eher andersrum funktioniert: Da steht eine resolute Tante im schwarzen Kleid und mit schwerer Tasche in der Tür, als sei sie eine Reinkarnation von Julie Andrews als Supernanny. Spieluhrhaft klingen die bekannten Melodien an: „Wenn ein Löffelchen voll Zucker“, „Chim Chim Cheree“, „Supercalifragilisticexpialigetisch“ . . .

Als so ein Song entsteht und im Studio vorgespielt wird, fängt auch Mrs. Travers mal an, mit den Füßen zu wippen. Überhaupt versucht dieser Film, den Sieg von Walt Disney auch als einen der Einsicht von Mrs. Travers zu verkaufen. Das ist ja auch die schönere und vor allem publikumswirksamere Geschichte als die der wahren „Mary Poppins“-Autorin. P. L. Travers hat das Musical nämlich immer gehasst, sich mit Disney auch nie versöhnt und die Verfilmung ihrer weiteren sieben „Mary Poppins“-Bücher stets abgelehnt. Im Alter von 96 Jahren ist sie gestorben, eine Misanthropin bis zuletzt, die laut Aussagen ihrer Enkel niemanden geliebt hat – und auch von niemandem geliebt wurde.

Saving Mr. Banks. USA, Großbritannien, ­Australien 2013. Regie: John Lee Hancock. Mit Emma Thompson, Tom Hanks. 125 Minuten. Keine Altersbeschränkung.




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