Filmstart von „Dame, König, As, Spion“ Im Lügenlabyrinth der Bürointriganten

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Die Romanvorlage von John le Carré exzellent verfilmt: die Welt der Geheimdienste ist ein Sumpf der Tristesse. Das zeigt sich im Film „Dame, König, As, Spion“.

Gary Oldman (stehend) und John Hurt als Meister des Verrats. Foto: Studiocanal
Gary Oldman (stehend) und John Hurt als Meister des Verrats. Foto: Studiocanal

Stuttgart - George Smiley könnte gut und gerne der langweiligste, grämlichste, muffigste Buchhalter in London sein. Er läuft durch die Straßen wie ein verschlissener Aktenordner, dem aus Versehen Beine gewachsen sind, der aber kurz davor ist, die neu errungene Beweglichkeit aufzugeben und sich einfach in den Schatten einer Hauswand sacken zu lassen, weil er gemerkt hat, dass er auch hier draußen, in der Abgasluft der Großstadt, den tödlichen Schimmel nicht mehr loswerden kann, der all die Jahre in einem feuchten Archivkeller an ihm genagt hat.

Dieser Eindruck aber täuscht. Smiley mag kummervoll, verbittert und unerfüllt sein. Aber er ist auch ein gefährlicher, ein eisig kluger, ein undurchschaubarer Mann. Er ist ein Agent Ihrer Majestät, besser gesagt, ein reaktivierter Agent, ein zuvor aus dem Auslandsgeheimdienst MI 6 hinausgedrängter Mann, der nun die Chance bekommt, sich an jenen zu rächen, die ihn einst ausgetrickst und abgeschoben haben.

Nur lässt sich dieser schon mal Weggeputschte keinen Triumph anmerken. Schmerzlich leidend, ja, pessimistisch duldsam eine Katastrophe erwartend, wirkt er wie ein zundertrockener Holzpuppenbruder Pinocchios, den ein übermächtiger Marionettenspieler gerade aufgefordert hat, doch ein wenig näher ans offene Kaminfeuer zu rücken.

Zwischen bedeckter Spießigkeit und verborgener Aggressivität

Gary Oldman entwirft diesen George Smiley in einer großartigen Mischung aus bedeckter Spießigkeit und verborgener Aggressivität, die auch Leonardo DiCaprios Porträt des alten FBI-Chefs John Edgar Hoover in Clint Eastwoods „J. Edgar“ in den Schatten stellt. Oldmans Darstellung von Tristesse befindet sich völlig in Übereinklang mit dem Inszenierungskonzept des Regisseurs Tomas Alfredson, der uns die Geheimdienstwelt der Romanvorlage von John Le Carré als mörderisches Schattenreich der Bürointrigen, der Beamtenbosheit und der Stubenhocker-Niedertracht zeigt, als das komplette Gegenstück also zum mondänen, exotischen Agentenkrieg der James-Bond-Reihe.

Der Schwede Alfredson ist international 2008 mit dem Vampirfilm „So finster die Nacht“ aufgefallen. Darin hat er eine einst für die neue Gesellschaft stehende Großwohnanlage in Schweden als Hort der Ungeheuer inszeniert, als Wüstenei aus Winterkälte und Betonhärte, mehr Jenseits als Diesseits. Die gleiche Konsequenz der Inszenierung zeigt er in diesem Film, der mit viel klareren, schärferen Bildern arbeitet, aber doch alle Buntheit verweigert. Sein London der siebziger Jahre sieht nicht nur aus wie ein nächtlicher Albtraumschub an Kalte-Kriegs-Erinnerungen, es sieht aus, als stünde es direkt am Fuß eines Ding gewordenen und himmelhohen Eisernen Vorhangs, der fast alles Licht schluckt und das übrig bleibende einfärbt.

Smileys früherer Vorgesetzter (John Hurt) war davon überzeugt, ein sowjetischer Maulwurf sei bis in die Führungsebene des MI 6 vorgedrungen. Die Theorie hat ihn und Smiley damals ihre Jobs gekostet. Nun gibt es neue Hinweise, dass der Geheimdienst unterwandert ist, und Smiley soll als vermeintlich neutral Gewordener ohne große Rückendeckung und in kurzer Zeit die Ränkespiele der professionellen Geheimniskrämer durchleuchten. Mehr darf man über den Plot dieses hervorragenden Thrillers eigentlich nicht verraten.

Eine beklemmende Atmosphäre

Wohl aber darf man darauf hinweisen, dass die völlige Randständigkeit von Frauen zu seiner klaustrophobischen, paranoiden Atmosphäre beiträgt. Die Akteure sind allesamt Männer, in deren Welt Frauen Ablenkung und Risiko, Hemmnis und Verdammnis sind. Smileys Ehefrau spielt eine wichtige Rolle, ohne dass wir je ihr Gesicht zu sehen bekämen. Sie ist die Ehebrecherin, die Smileys Herz vernarbt und seine Reputation im Dienst ramponiert hat.

Die beklemmende Atmosphäre von „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“, so der Originaltitel, entsteht aber nicht allein durch Wegnahme des Positiven, durch Verweigerung der Lichtblicke. Die präzise Ausstattung, der dichte Schnitt, die originelle, aber nie in den Vordergrund drängende Filmmusik von Alberto Iglesias locken uns immer weiter hinein in ein Labyrinth der Falschheit, vor dem es einen eigentlich nur noch ekeln sollte.

Aber wie in John Le Carrés Romanen um den Circus, wie der Geheimdienst dort genannt wird, überfällt uns hier die Erkenntnis, dass es keinesfalls nur um Spione und die Kloaken der Weltpolitik geht. Diese Figuren leben deutlicher und intensiver einen Falschheit, Trickserei und Heimlichtuerei aus, die in jedermanns Leben vorkommt. Diese schrecklichen Leute sind unangenehm deutlich unser aller Agenten.

Dame, König, As, Spion. Großbritannien 2011. Regie: Tomas Alfredson. Mit Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, Mark Strong, John Hurt, Toby Jones. 127 Minuten. Ab 12 Jahren. Atelier am Bollwerk, EM



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