Freibäder im Kreis Esslingen Der Wassermann ist startklar für die Saison

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Wolfram Wahlen ist selbstständiger Schwimmmeister. Seine Firma betreut unter anderem die Bäder in Deizisau und Aichtal. Wenn die Corona-Krise vorüber ist, wird ein anderes Problem fortbestehen: der chronische Fachkräftemangel in der Branche.

Das Wetter passt und Wolfram Wahlen ist bereit. Wann das Bad in Deizisau öffnet, hängt aber von Corona ab. Foto: Ines Rudel
Das Wetter passt und Wolfram Wahlen ist bereit. Wann das Bad in Deizisau öffnet, hängt aber von Corona ab. Foto: Ines Rudel

Kreis Esslingen - Das Telefon im Deizisauer Freibad klingelt. Der Schwimmmeister Wolfram Wahlen, der in diesen Tagen das Familienbad für die Saison vorbereitet, geht ran. „Nein, der Vorverkauf von Saisonkarten ist wegen den Unwägbarkeiten der Corona-Krise bis auf weiteres ausgesetzt“, erklärt Wahlen dem Anrufer. Der Stammgast will sich gerne, so wie jedes Jahr, den Zehn-Prozent-Rabatt des Vorverkaufs sichern. „Wann ist es denn so weit?“ „Wenn das Land die Bestimmungen lockert, legen wir los und machen auf. Sobald wir mehr wissen, kann der Vorverkauf beginnen“, mehr kann Wolfram Wahlen nicht sagen.

Hinter dem Saisonstart am 1. Mai steht ein Fragezeichen

An ihm wird es nicht scheitern. Der Chef der Firma KRAT mit Sitz in Reutlingen-Mittelstadt – die Abkürzung steht für Kurse, Reinigung, Aufsicht und Technik – bereitet wie gewohnt das Deizisauer Bad für die Badegäste vor. Er unterstützt dabei den Badleiter Uwe Ungerer. Mit vereinten Kräften liegen die beiden im Plan.

Bei strahlendem Sonnenschein und frühsommerlichen Temperaturen hat das Team die Beckenumgänge mit dem Hochdruckreiniger gesäubert und die Winterpatina im Becken selber weggespritzt. Wolfram Wahlen sorgt auch dafür, dass die Badewassertechnik auf Knopfdruck anspringt. Die Saison in Deizisau dauert regulär vom 1. Mai bis zum letzten Sonntag im September. „Wir hoffen, dass wir pünktlich aufmachen werden, aber wir wissen es eben nicht. Bis zum 20. April ist alles dicht, dann muss man sehen.“

Der Leistungssportler macht seine Leidenschaft zum Beruf

Zu der Ungewissheit der Freibadsaison gesellt sich die Gewissheit einer teils ins Wasser gefallenen Hallenbadsaison. Auf den 14. März sind die Bäder kurzfristig dicht gemacht worden. „Das war eine Vollbremsung, von hundert auf null“, sagt Wolfram Wahlen, der unter anderem in den Bädern in Starnberg und Fürstenfeldbruck nach dem Rechten sieht. Hinzu kommen wird jetzt noch Jestetten (Kreis Waldshut). Wolfram Wahlen, der vor fünf Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt hat und inzwischen fünf Mitarbeiter beschäftigt, wirkt trotz Corona bemerkenswert gelassen, was nicht zuletzt auch an der bewegten Ost-West-Biografie des 54-Jährigen liegt.

Der gebürtige Thüringer machte in der DDR seinen Abschluss als Anlagenschlosser und arbeitete in einem Wohnungsbaukombinat. Nebenher schuf sich der junge Mann ein zweites Standbein. Der Leistungssportler, der 1986 an der DDR-Meisterschaft für Rettungsschwimmer teilgenommen hat, übernahm zunächst die Aufsicht im Bad von Rippershausen bei Schmalkalden in Thüringen. Wolfram Wahlen stellte damit die Weichen für seinen weiteren Berufs- und Lebensweg, der freilich nicht immer geradlinig verlief.

Wolfram Wahlen kennt fast die ganze Republik

Nach der friedlichen Revolution zog es ihn 1990 in den Westen. In Speyer heuerte er zunächst als Schlosser bei einer Firma für Leiharbeiter an. Von dort aus ging es nach Heidelberg, ein dreiviertel Jahr lang war er bei einer Spedition als Lastwagenfahrer angestellt. „Im August 1990 bin ich dann mit dem LKW vor das Freibad in Heidelberg gefahren und habe dort gefragt, ob sie einen zertifizierten Schwimmmeister brauchen“, erinnert sich Wolfram Wahlen. Er wird gebraucht, und schon zum Oktober hat er seinen Arbeitsvertrag in der Tasche.

Circa 20 Jahre bleibt Wolfram Wahlen in der Region, der Dialekt des Rhein-Neckar-Kreises wird seine Sprache färben – bis heute. Der Mietschwimmmeister kennt fast die ganze Republik – von der Ostsee im Norden bis zum Hochrhein im Süden, von Köln im Westen bis zu seiner alten Heimat im Osten. Er bereue nichts, erzählt Wolfram Wahlen. Außer vielleicht, dass er sich nicht früher selbstständig gemacht hat.

Die Wertschätzung für Schwimmmeister ist meistens gering

Egal wo er war – seine Einstellung ist immer dieselbe geblieben: „Diesen Beruf muss man leben – wenn nicht, merken das die Badegäste. Ich bin Schwimmmeister mit Leib und Seele“, sagt der 54-Jährige. Zuverlässigkeit sei die höchste Tugend. Die Branche ist chronisch unterbesetzt. Circa 5500 Bäder gibt es in Deutschland, derzeit fehlen rund 2700 Fachkräfte. Das bedeutet, dass statistisch gesehen in jedem zweiten Bad eine qualifizierte Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter fehlt. „Ich finde kaum Festangestellte, die meine Arbeitsphilosophie haben“, stellt Wolfram Wahlen nüchtern fest.

„Ich bin kein Diplomat, sondern unbequem“, sagt Wolfram Wahlen über sich selbst. Die drei Gründe für den Fachkräftemangel bringt er unverblümt auf den Punkt: „Scheißarbeitszeiten, schlechte Entlohnung, geringe Wertschätzung“. Das erinnert an die Pflegeberufe.

Fachkräfte im Bad haben eine hohe Verantwortung

Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe. Wenn Absolventen einen Job mit 1500 Euro netto finden, sei dies viel, erklärt Wolfram Wahlen. Dazu kommt: wer hat heute noch Respekt vor einem Bademeister? Wolfram Wahlens zugespitzte Antwort: „In Berlin-Neukölln traut man sich nur noch mit dem Colt aus dem Schwimmmeisterhaus.“

Selbst wo es zivilisierter zugeht, halte sich hartnäckig folgendes Klischee: „Das ist ja nur der Bademeister, der sich sonnt und den Frauen auf den Hintern guckt.“ Dabei sei die Realität am Beckenrand eine andere. „Man muss in der Hitze und bei dem Lärm jede Minute zu 100 Prozent konzentriert sein“, sagt Wolfram Wahlen, der wie alle seiner Kollegen nicht nur Verantwortung für die Bädertechnik, sondern vor allem auch für das Leben und die Gesundheit der Badegäste hat.

Vor Corona will der Reutlinger nicht kapitulieren

Der Reutlinger ist im Sternzeichen Wassermann geboren. Und er ist ein Stehaufmännchen. Mehr als einmal sei er in seinem Leben schon „auf die Schnauze gefallen“. Mund abputzen – weitermachen“ – dieser Devise sei er immer schon gefolgt. Deshalb sei ihm auch nicht bange. Auch von Corona will er sich nicht in die Knie zwingen lassen. Ganz sorglos ist er aber dennoch nicht: „Wenn sich die Schließungen bis Mitte Juni hinziehen sollten, wird es langsam zum Problem.“




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