„Furor“ im Theaterhaus Was ist wahr – und wer trägt die Verantwortung?

Stephan Moos, Katja Schmidt-Oehm und  Ufuk Cakmak (von links) in „Furor“ Foto: Regina Brocke
Stephan Moos, Katja Schmidt-Oehm und Ufuk Cakmak (von links) in „Furor“ Foto: Regina Brocke

Werner Schretzmeier inszeniert im Theaterhaus das Stück „Furor“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz

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Stuttgart - Die Friseurin Nele Seybold, emotional und selbstbewusst gespielt von Katja Schmidt-Oehm, trifft im Hinterzimmer ihres Salons auf den OB-Kandidaten Volker Braubach. Der hat mit seinem Wagen Enno angefahren, Seybolds 16-jährigen Sohn, der am Unfallabend im Drogenrausch war. Fortan wird Enno im Rollstuhl sitzen. Nele Seybold hat wenig Geld und sieht angesichts der bevorstehenden Pflegekosten ihre Existenz bedroht.

Die Presse macht daraus die reißerische Geschichte: „Politiker rettet Junkie das Leben“ – und stigmatisiert damit den Drogenjungen aus der Unterschicht. Laut Polizeibericht konnte der Tathergang abschließend geklärt werden. Doch was geschah wirklich? Hatte der Politiker vielleicht getrunken? Wie viel Drogen nahm Enno? Will die Presse beim Politiker gut Wetter machen? Wer trägt die Schuld? Braubach, locker und trocken dargestellt von Stephan Moos, plagt offenbar ein schlechtes Gewissen, außerdem will er wohl mit einem verlockenden Angebot die Friseurin zum Schweigen bringen, um seinen Wahlkampf nicht zu gefährden.

Keiner kommt gut weg

Voller Wut tritt da Seybolds 33-jähriger Neffe Danny auf den Plan, stark verkörpert von Ufuk Cakmak, der als Paketausfahrer seinen geringen Lohn bestreitet und einen tiefen Hass gegenüber der Elite hegt. Er nutzt Selfies und Messenger-Dienste, um seine ganz eigene Wahrheit zu erzeugen. Es kommt zum spannenden Wortgefecht zwischen den Protagonisten, bei dem sich mangelndes Vertrauen, Befremdung und enttäuschte Lebensentwürfe offenbaren.

Ein jeder wittert seine Chance auf Ent-Schuldigung und darauf, letztendlich die Verantwortung von sich weisen zu können. Dabei wird den Zuschauern die defizitäre innergesellschaftliche Kommunikation aufzeigt. „Furor“ trifft ins Schwarze und vermittelt schmerzlich die aktuellen Entwicklungen einer auseinanderdriftenden Gesellschaft. Dabei kommt keiner gut weg, insbesondere nicht die sozialen Medien, die zum teuflischen Mittel der Manipulation werden. Es ist ein großes Zuweisen von Schuld und mangelndem Willen zur Wahrheit.

Termine: 3.4. bis 5.5. 2019




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