InterviewGespräch mit Ensaf Haidar Die Familie drängte Ensaf Haidar zur Scheidung

Von vih 
Ihr Mann wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet – zuletzt mit dem Sacharow-Preis des Europaparlaments. Hilft diese internationale Aufmerksamkeit?
Ja, das hilft ihm sehr, denn es gibt ihm positive Energie und innere Stärke. Es tut ihm gut, zu hören, dass das, was er gemacht hat, nicht umsonst war.
Könnte sich diese Aufmerksamkeit auch negativ auswirken? Würde das Königshaus nicht sein Gesicht verlieren, wenn es ihren Mann aufgrund westlichen Drucks freilässt?
Viele Menschen raten mir, mich lieber zurückzuhalten. Aber ich glaube nicht daran. Unsere Öffentlichkeitsarbeit hat erst letztes Jahr begonnen – da saß Raif schon lange in Haft und das Königshaus hat keine Anstalten gemacht, ihn freizulassen. Ich bin überzeugt, dass es sehr schlecht für ihn wäre, wenn wir jetzt aufhören.
Ihr Mann hat 50 der 1000 Stockhiebe erhalten, zu denen er verurteilt wurde. Dann wurde die Strafe ausgesetzt, weil er zu schwer verletzt war. Fürchten Sie, dass der Rest der Strafe vollstreckt wird?
Ich habe diese Angst nie verloren und jeden Freitag um ihn gebangt. Vor Kurzem habe ich nun aus mehreren Quellen erfahren, dass die Auspeitschung bald fortgesetzt werden soll.
Tut Deutschland genug, um zu helfen?
Ich möchte mich für das Engagement Deutschlands sehr bedanken. Tatsächlich wünsche ich mir aber ein noch stärkeres Auftreten zu Gunsten meines Mannes.
Etwa, indem Deutschland aufhört, Waffen an Saudi-Arabien zu liefern?
Mit solchen politischen Forderungen halte ich mich zurück.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie und Ihr Mann aus Liebe geheiratet haben – das ist sehr ungewöhnlich für Saudi-Arabien.
Ja, normalerweise sucht die Familie die Ehepartner aus. Raif und ich haben uns durch Zufall kennengelernt. Normalerweise haben saudische Frauen keinen Kontakt zu Männern außerhalb ihrer Familie. Ich habe gleich gemerkt, dass Raif anders ist. Er hat schon damals mehr an die Freiheit der Frau geglaubt als der normale saudische Mann. Mit ihm habe ich mich immer frei gefühlt – selbst innerhalb unserer Kultur.
Nach seiner Verhaftung wollte Ihre Familie Sie zwingen, sich scheiden zu lassen. Sie brachen daraufhin den Kontakt ab.
Ja, daran hat sich nichts geändert. Ich vermisse sie sehr, aber solange sie nicht akzeptieren, dass ich Rechte habe – als Mensch und als Frau! – möchte ich keinen Kontakt zu ihnen. In Saudi-Arabien existieren Frauen quasi nicht. Sie führen eine Existenz im Verborgenen und werden behandelt wie Kinder: Für alles, was sie tun, brauchen sie einen gesetzlichen Vormund. Diese Mentalität ertrage ich einfach nicht mehr.
Wie haben Sie die Anschläge von Paris wahrgenommen?
Es war ein großer Schock für mich. Ich wünsche mir, dass wir endlich lernen, in Frieden miteinander zu leben – auch wenn wir unterschiedliche Vorstellungen vom richtigen Leben haben.