Kultur: Tim Schleider (schl)

Es sind die Jahre der neuen Wissenschaften und der Royal Society, von John Locke und David Hume, von Georg Friedrich Händel und Daniel Defoe. Es sind die Jahre, in denen die Kolonien in Nordamerika in die Unabhängigkeit verloren gehen und in denen die britischen Kaufleute stattdessen ihre Niederlassungen in Afrika, Indien, im Fernen Osten und in der Karibik gründen. Es sind die Jahre, in denen britische Forscher und Abenteurer neue Welten erkunden, ganz im Sinne der Kunst möglichst unvoreingenommener Anschauung und des Nützlichkeitsdenkens, des Empirismus und des Utilitarismus – zwei zentrale Geisteshaltungen der Moderne, die England der Welt beschert und die das Land schließlich erst zum Geburtsland und dann zur Werkstatt der industriellen Revolution machen.

 

All das erschließt sich in den Ausstellungen Stück für Stück und lässt darum nicht nur anglophile Herzen höherschlagen. Sehr schön deutlich wird, wie diese englischen Einflüsse dann schließlich auch dem eigentlichen Stammland der Welfen zugutekamen. Dass Georg II. in seiner Eigenschaft als Kurfürst Georg August 1732 die Universität Göttingen gründete und die neue Hochschule zu einem Zentrum der Gelehrtenwelt machte, ist dem Vorbild der Royal Society und den Universitäten in Oxford und Cambridge geschuldet.

Während das Landesmuseum – 1856 übrigens von Georg V. eingeweiht; da waren die Welfen inzwischen sogar Könige von Hannover, allerdings auch nur noch von Hannover – in üppig bestückten, aber nie überladenen Räumen den großen historischen Bogen spannt, kann man im barocken Schloss Herrenhausen mit seinem herrlichen Park Kunst und Kultur der welfisch-englischen Zeit erleben. Wunderbar auch der Ausstellungsteil im Wilhelm-Busch-Museum: „Königliches Theater“ versammelt englische Karikaturen über das Herrscherhaus durch die Jahrhunderte bis in jüngste Zeit. Man muss schon sagen: so sehr die meisten Engländer ihre Royals auch bewundern – sie überziehen sie auch ganz schön deftig mit Hohn und bösestem Spott. Dafür hätte es in manchen Ländern des Kontinents sicher häufig tiefsten Kerker oder sogar ein Kopf-ab gegeben . . .

Victoria wollte man in Hannover nicht haben

Dass Gender-Debatten keineswegs eine Erfindung der Gegenwart sind, macht dann das Ende der spannenden Schau deutlich: Als Wilhelm IV. 1837 kinderlos starb, ergab sich eine komplizierte Nachfolge. In Hannover (seit 1815 selbst Königreich) durften nur männliche Erben auf den Thron. England dagegen kannte schon seit Jahrhunderten auch Herrscherinnen. Die Personalunion wurde aufgelöst: In Hannover kam der nächste männliche Erbe auf den Thron, Ernst August, Duke of Cumberland. In London wurde dagegen seine Nichte gekrönt, Viktoria.

Wobei „Macht“ zu diesem Zeitpunkt schon sehr relativ gemeint ist: Das Faszinierende an der englischen Geschichte ist ja, dass sich hier über Jahrhunderte hinweg unter dem Mantel der Monarchie ein selbstbewusst parlamentarisches und über viele Entwicklungsstufen hinweg dann demokratisches System entwickelt hat. Das gilt auch für die Zeit der Hannoveraner in London: Während an den Höfen des Kontinents der Absolutismus blüht und sich die dortigen Fürsten als Staat und Sonne zugleich begreifen, sind Georg I., der II., der III., der IV. sowie Wilhelm IV. doch schon deutlich eingeschränkt in ihren Herrschaftsmöglichkeiten.

Das eigentliche Machtzentrum in London ist bereits das Parlament. Mit den Whigs und den Torys stehen sich hier, wenn auch noch locker strukturierte, Urformen heutiger Fraktionen gegenüber. Mit Robert Walpole beginnt die lange Reihe der politisch tonangebenden, manchmal aber auch nur vom öffentlichen Streit getriebenen Premierminister, die letztlich bis zu David Cameron heute reicht. Die Ausstellungen in Hannover glänzen darum etwas weniger mit barocker Pracht und Herrlichkeit, aber dafür mit hochinteressanten Einblicken in ein großes Jahrhundert englischer Kultur. Denn die rund 120 hannoverschen Jahre in London sind eine Zeit, in der sich das Land entscheidend entwickelt.

Unter den Welfen wird Großbritannien zum Weltreich

Es sind die Jahre der neuen Wissenschaften und der Royal Society, von John Locke und David Hume, von Georg Friedrich Händel und Daniel Defoe. Es sind die Jahre, in denen die Kolonien in Nordamerika in die Unabhängigkeit verloren gehen und in denen die britischen Kaufleute stattdessen ihre Niederlassungen in Afrika, Indien, im Fernen Osten und in der Karibik gründen. Es sind die Jahre, in denen britische Forscher und Abenteurer neue Welten erkunden, ganz im Sinne der Kunst möglichst unvoreingenommener Anschauung und des Nützlichkeitsdenkens, des Empirismus und des Utilitarismus – zwei zentrale Geisteshaltungen der Moderne, die England der Welt beschert und die das Land schließlich erst zum Geburtsland und dann zur Werkstatt der industriellen Revolution machen.

All das erschließt sich in den Ausstellungen Stück für Stück und lässt darum nicht nur anglophile Herzen höherschlagen. Sehr schön deutlich wird, wie diese englischen Einflüsse dann schließlich auch dem eigentlichen Stammland der Welfen zugutekamen. Dass Georg II. in seiner Eigenschaft als Kurfürst Georg August 1732 die Universität Göttingen gründete und die neue Hochschule zu einem Zentrum der Gelehrtenwelt machte, ist dem Vorbild der Royal Society und den Universitäten in Oxford und Cambridge geschuldet.

Während das Landesmuseum – 1856 übrigens von Georg V. eingeweiht; da waren die Welfen inzwischen sogar Könige von Hannover, allerdings auch nur noch von Hannover – in üppig bestückten, aber nie überladenen Räumen den großen historischen Bogen spannt, kann man im barocken Schloss Herrenhausen mit seinem herrlichen Park Kunst und Kultur der welfisch-englischen Zeit erleben. Wunderbar auch der Ausstellungsteil im Wilhelm-Busch-Museum: „Königliches Theater“ versammelt englische Karikaturen über das Herrscherhaus durch die Jahrhunderte bis in jüngste Zeit. Man muss schon sagen: so sehr die meisten Engländer ihre Royals auch bewundern – sie überziehen sie auch ganz schön deftig mit Hohn und bösestem Spott. Dafür hätte es in manchen Ländern des Kontinents sicher häufig tiefsten Kerker oder sogar ein Kopf-ab gegeben . . .

Victoria wollte man in Hannover nicht haben

Dass Gender-Debatten keineswegs eine Erfindung der Gegenwart sind, macht dann das Ende der spannenden Schau deutlich: Als Wilhelm IV. 1837 kinderlos starb, ergab sich eine komplizierte Nachfolge. In Hannover (seit 1815 selbst Königreich) durften nur männliche Erben auf den Thron. England dagegen kannte schon seit Jahrhunderten auch Herrscherinnen. Die Personalunion wurde aufgelöst: In Hannover kam der nächste männliche Erbe auf den Thron, Ernst August, Duke of Cumberland. In London wurde dagegen seine Nichte gekrönt, Viktoria.

Mit den Welfen in Hannover ging es in den darauf folgenden Jahrzehnten bekanntlich stetig bergab. 1866 kassierten die Preußen ihr Reich. Mit der langen Regentschaft Viktorias verbindet sich dagegen der Aufstieg Großbritanniens zum Empire, mit allen Licht- und Schattenseiten. Immerhin, das aktuelle Familienoberhaupt der Welfen, Prinz Ernst August, ist auch im Besitz eines britischen Passes und wird dort bis heute „Royal Highness“ tituliert.

Projekte Das Ausstellungsprojekt „Als die Royals aus Hannover kamen“ verteilt sich bis zum 5. Oktober auf fünf Standorte: „Hannovers Herrscher auf Englands Thron 1714–1837“ im Niedersächsisches Landesmuseum und im Museum Schloss Herrenhausen, „Eine Kutsche und zwei Königreiche. Hannover und Großbritannien 1814–1837“ im Historischen Museum, „Königliches Theater. Britische Karikaturen aus der Zeit der Personalunion und der Gegenwart“ im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst und „Reif für die Insel. Das Haus Braunschweig-Lüneburg auf dem Weg nach London“ im Residenzmuseum im Celler Schloss, vierzig Kilometer nördlich von Hannover.

Katalog Der Gesamtkatalog aller norddeutschen Ausstellungen ist im Sandstein Verlag, Dresden, erschienen, und umfasst über tausend Seiten. Im Museumsshop in Hannover ist das Konvolut für 68 Euro erhältlich, im Buchhandel für 88 Euro.