Günther Groissböck singt „Die Winterreise“ Lautes Leben und leiser Tod

Von Verena Großkreutz 

In Stuttgart hat der Bass Günther Groissböck Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“ gesungen. Gerold Huber war sein Partner am Klavier.

Günther Groissböck Foto: Erich Reisman
Günther Groissböck Foto: Erich Reisman

Stuttgart - Volles Haus bei der Hugo-Wolf-Akademie! Günther Groissböck, angesagter Wagner-Bass, und Gerold Huber am Klaviergeben Schuberts „Winterreise“ im Vortragssaal der Staatsgalerie. Bässe hört man nur sehr selten mit diesem Liederzyklus. Und Groissböcks Stimme ist schwer, von gewaltiger Resonanz, großem Umfang. Er singt weltweit an den großen Opernhäusern, gibt Gurnemanz in Berlin, Hunding an der Met, Fasolt in London. 2020 wird er Wotan in Bayreuth singen. Passt zu diesem Sänger die intime „Winterreise“-Welt, die in 24 Liedern minutiös einen Weg von außen nach innen beschreibt, der aus der Realität in eine täuschende Traumwelt und letztlich in den Tod führt? Braucht es da nicht eine bewegliche Stimme, die farblich und dynamisch sehr fein differenzieren kann?

Groissböck legt sich mächtig ins Zeug, um seine Stimme dynamisch im Zaum zu halten und allen Ausdruck in den Dienst der Verzweiflung, Trostlosigkeit und Düsternis zu stellen. Das brennt sich schnell in die Ohren ein: wie fremd sich der Wanderer fühlt in dieser Welt, die für sein Leid kein Verständnis aufbringt. Aber sein gewaltiges Stimmorgan ins Piano und Pianissimo zu zwingen, fordert Groissböck viel Kraft ab, entzieht seiner Stimme die Farben und macht sie ein bisschen mürbe, während sein aufbrausendes Forte viel zu vital bleibt für Schuberts Welt der Albträume und Halluzinationen, der flackernden Irrlichter und erschreckenden Nebensonnen. Dadurch fehlen Ausdrucksbereiche, die für die große Spannungskurve der „Winterreise“ Voraussetzung sind.

Spannend blieb der Abend dennoch. Weil Gerold Huber Schuberts Ausdruckswelt am Flügel heraufbeschwor: Zwei Takte gläsern huschende Triolen, und die lauernde Krähe wird zum Boten aus einer anderen Welt. Da hört man den Schritt des Wanderers müder werden, irrlichternde Triolen zeigen seine Irritation, sein beginnender Wahnsinn wird in Dur-Moll-Schattierungen spürbar wie der Tod, der in schmerzhaft verquälter Chromatik immer näher rückt. Fantastisch!