Handwerk in der Region Stuttgart Bisher 15 Prozent weniger Lehrverträge

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Mehr oder weniger stark hat es in der Coronakrise alle Branchen des Handwerks erwischt. In manchen Bereichen sind die Umsätze um zwei Drittel gesunken. Nun setzt die Kammer darauf, dass wenigstens der bisherige Rückgang der Lehrverträge aufgehalten werden kann.

Beim Friseur mit  Mundschutz, das ist ungewohnt, aber für Kunde und Friseur immer noch besser als die langen Wochen ohne Haareschneiden. Auch Dachdecker und Bäcker sind nicht ungestreift durch die Krise gekommen, die Umsatzverluste sind hoch. Foto: dpa/Frank Molter, Uwe Anspach,  Michael Reichel
Beim Friseur mit Mundschutz, das ist ungewohnt, aber für Kunde und Friseur immer noch besser als die langen Wochen ohne Haareschneiden. Auch Dachdecker und Bäcker sind nicht ungestreift durch die Krise gekommen, die Umsatzverluste sind hoch. Foto: dpa/Frank Molter, Uwe Anspach, Michael Reichel

Stuttgart - Das Handwerk in der Region Stuttgart hat in der Corona-Krise erhebliche Umsatzverluste erlitten. Das gilt mit minus zwei Dritteln besonders für die persönlichen Dienstleistungen, zu denen etwa Friseure und Kosmetiker gehören. Aber auch das Bau- und Ausbaugewerbe hat gut ein Drittel weniger Umsatz gemacht. Am Ausbildungsmarkt zeigen sich die Folgen der Krise ebenfalls. So sei die Zahl der neuen Ausbildungsverträge in der Region von Januar bis Mai im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent zurückgegangen, sagt der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (HWK) Region Stuttgart, Thomas Hoefling.

Mehr oder weniger stark haben alle Berufsgruppen des Handwerks unter der Corona-Krise zu leiden gehabt. Das zeigen die Zahlen einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Deren Ergebnisse gelten „tendenziell auch für die Region Stuttgart“, sagt Thomas Hoefling. Rund 30 000 Handwerksbetriebe mit 187 500 Beschäftigten gibt es hier.

Minus 66 Prozent weniger persönliche Dienstleistungen

Von diesen ist trotz hoher Einbußen das Bau- und Ausbauhandwerk noch am besten weggekommen, also etwa Maurer, Dachdecker, Zimmerer oder Maler, mit einem Umsatzminus zwischen 33 und 39 Prozent. Gewerbliche Zulieferbetriebe haben Umsatzverluste von durchschnittlich 41 Prozent hinnehmen müssen, das Kraftfahrzeuggewerbe minus 45 Prozent, der Lebensmittelbereich unter anderem mit Bäckern und Metzgern minus 42 Prozent.

Noch schwerer getroffen hat es die Gesundheitsberufe, zu denen etwa Optiker und Hörgeräteakustiker zählen, mit einem Umsatzrückgang von 56 Prozent. Am schwersten belastet ist der Bereich der persönlichen Dienstleistungen mit Friseuren, Kosmetikern, Fotografen, Maßschneidern, die ein Minus von 66 Prozent schreiben.

Hoher Milliardenumsatz in der Region

Bei diesen Umsatzeinbrüchen handelt es sich in der Summe um einen beträchtlichen Betrag. Schließlich betrug der Gesamtumsatz des Handwerks im Kammerbezirk Region Stuttgart im vergangenen Jahr etwa 24,9 Milliarden Euro.

Thomas Hoefling betont aber, dass innerhalb der Gewerbegruppen die Lage der Betriebe oft sehr unterschiedlich sei. „Manche haben noch eine super Auftragslage“, sagt er. In der Hochphase der Corona-Krise, in der Zeit, als das Thema Schutzmasken noch nicht die Rolle wie jetzt spielte, hätten aber alle gelitten. „Da haben viele Kunden keinen Wert darauf gelegt, einen Handwerker im Haus zu haben.“ Der HWK-Hauptgeschäftsführer lobte die Betriebe für ihre Flexibilität und Innovationsfreude in der Krise, etwa den Maßschneider, der Schutzmasken gefertigt habe, oder die Glaser und Schreiner, die beispielsweise für Kliniken Plexiglas-Tunnels zum Infektionsschutz oder andere Schutzvorkehrungen gebaut hätten. Und die Möglichkeit der Kurzarbeit als Mittel gegen die Krise habe wie 2009 gegriffen. Entlassungen in größerem Umfang oder auch Betriebsinsolvenzen seien „derzeit noch nicht das Thema“, sagte Hoef­ling. Die Corona-Soforthilfe von Bund und Land, von der in der Region rund 14 000 Betriebe Gebrauch gemacht hätten, sei „schnell und unbürokratisch“ geflossen, lobte der Hauptgeschäftsführer das Krisenmanagement. Das ganze Ausmaß der Krise werde sich aber erst im Laufe des Jahres zeigen.

Lob für bisherige Hilfen

Kopfzerbrechen bereitet der Handwerkskammer der Ausbildungsmarkt. Das Minus von 15 Prozent bei den neuen Lehrverträgen in den ersten fünf Monaten bedeutet im Vergleich zu den Vorjahren eine Art Vollbremsung. 2018 hatte die HWK der Region 4283 neue Ausbildungsverhältnisse verzeichnet, plus 1,3 Prozent; 2019 waren es 4345 neue Verträge, plus 1,4 Prozent. Beim bisherigen Minus schlagen nicht zuletzt Rückgänge bei Friseuren, Kosmetikern und im Nahrungsmittelbereich zu Buche, aber auch etwa bei Goldschmieden oder Fotografen.

HWK fordert vom Bund Ausbildungsprämie

Positiv stimmt Thomas Hoefling, dass bei der Kammer die Nachfrage nach Ausbildungsberatung wieder leicht anzieht. Diese Entwicklung müsse nun durch eine finanzielle Unterstützung gefördert werden. Der Hauptgeschäftsführer hofft, dass die vom Bund im Rahmen des Investitionspaketes geplante Ausbildungsprämie, die einen Zuschuss von 2000 Euro pro Azubi und 3000 Euro für jede zusätzliche Lehrstelle vorsieht, auch zügig kommt. „Wir nähern uns der Sommerpause“, gibt Hoefling zu bedenken. Das Land hat bereits angekündigt, die zeitlich begrenzte Prämie des Bundes gegebenenfalls über das Jahr 2020 hinaus zu verlängern.

Nun hofft der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, dass es keine zweite Corona-Welle gibt. „Die würde uns ins Mark treffen“, erklärt Thomas Hoefling. „Die Substanz, die da war, ist weg“, sagt er über die Lage der Betriebe. „Viel darf nicht mehr kommen.“




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