Interview Die Sonne als Lebenselixier

Von Katharina Meyer 

Wer zu wenig Zeit in der Sonne verbringt, schadet der Gesundheit, sagt der Freiburger Dermatologe Christoph Schempp.

Zu viel Sonne ist ungesund –  zu wenig aber auch, sagt Christoph Schempp. Foto: dpa
Zu viel Sonne ist ungesund – zu wenig aber auch, sagt Christoph Schempp. Foto: dpa
Freiburg – - Wenn die Temperaturen steigen, drängen die Menschen ins Freie, um ihre Gesichter in die Sonne zu halten. Das sollten sie auch – und am besten Arme und Beine dazu, meint Christoph Schempp, Professor an der Hautklinik der Uniklinik Freiburg. Dass Sonnenstrahlung wegen des Krebsrisikos heute vor allem als Gefahr gilt, hält Schempp für falsch.
Herr Schempp, wer sich ungeschützt in die Sonne setzt, gilt als unvernünftig. Dabei zeigt eine Studie aus Schweden, dass auch das Schattenhocken Nachteile hat: das Sterberisiko steigt. Was folgt daraus?
Letztlich geht es um eine differenzierte Betrachtung des Sonnenlichtes. Es gibt eine starke Polarisierung in der Debatte, das hat schon quasi-religiöse Züge. Die einen sagen: Sonne ist schädlich und verursacht Hautkrebs, die anderen sagen, dass Sonnenlicht total wichtig ist. Es fördert die Vitamin-D-Synthese, man fühlt sich wohl, Glückshormone werden ausgeschüttet, und das Licht ist gut fürs Auge. Die Wahrheit liegt in der Mitte: Beide Seiten haben recht.
Laut der Studie steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Sonnenvermeidung ähnlich wie beim Rauchen. Können Sie das nachvollziehen?
Diese Aussage finde ich nicht gelungen, der Vergleich macht einfach keinen Sinn. Interessant an der Studie finde ich die Tatsache, dass Menschen, die mehr in der Sonne sind, tatsächlich länger leben. Das heißt: Das Hautkrebsrisiko ist nicht so hoch wie das Risiko, durch Lichtmangel zu sterben. Das ist ein ganz klares Ergebnis – bei einer Studie, die sehr große Fallzahlen hat und eine ordentliche und gute statistische Analyse beinhaltet.
Was macht Sonne denn derart gesund?
Die UVB-Strahlen im Sonnenlicht regen die Herstellung von Vitamin D in der Haut an. Und es gibt einen eindeutig belegten Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und dem Risiko tödlicher Herz-Kreislauferkrankungen. Auch das Risiko für Neurodermitis, für Psoriasis – also Schuppenflechte – und Asthma steigt dann. Bei diesen Krankheiten ist es sinnvoll, Vitamin D ergänzend einzunehmen. Doch es greift zu kurz, nur das Vitamin D im Blick zu haben: So hat eine 2014 erschienene Studie gezeigt, dass die UVA-Strahlung im Sonnenlicht die Arterien erweitert und den Blutdruck senkt. Die ständigen Warnungen vor der Sonne in Europa, die immer höheren Lichtschutzfaktoren in den Sonnencremes, die empfohlen werden – da steckt auch einiges an Panikmache dahinter.
Die Studie wurde in Schweden gemacht, wo die Menschen gerade im Winter sehr wenig Sonne abbekommen. Spielt das eine Rolle?
Die nördliche Lage kann das Ergebnis verstärken. Aber ich würde diesen Skandinavien-Effekt nicht überbewerten. Es ist durch die fehlende Sonnenintensität auch in unseren Breitengraden kaum zu schaffen, über den Winter genug Vitamin D abzubekommen – zumal die Menschen ja meist nur das Gesicht und den Handrücken der Sonne aussetzen.
Das heißt, uns allen fehlt dann Vitamin D, wenn wir es nicht zusätzlich einnehmen?
Ja. Stichprobenartige Messungen in Hautpraxen zeigen, dass die Bevölkerung vor allem im Winter einen schweren Mangel entwickelt. Es gibt Leute, in deren Blut können wir gar kein Vitamin D mehr nachweisen! Vor allem Ältere sind davon betroffen.
Ab wann würden Sie von Mangel sprechen?
Wenn bei jemandem der Wert unter 50 Nanomol pro Liter sinkt, hat er einen Mangel und sollte Vitamin D substituieren, also ergänzend zuführen. Man kann den Vitamin-D-Spiegel beim Arzt testen lassen. Kinder bis sechs Jahre sollten bei Mangel 500 Einheiten pro Tag einnehmen, Erwachsene das doppelte. In der Apotheke gibt es die entsprechenden Tabletten. Man kann aber auch mit Naturprodukten gegensteuern: zum Beispiel Fischölkapseln oder Lebertran. Meine Faustregel: Ein normaler Hauttyp in unseren Breiten sollte von November bis Februar oder März Vitamin D in Tablettenform zu sich nehmen.
Teilweise werden höhere Dosen empfohlen.
Auch die Amerikaner propagieren eine viel höhere Dosis als wir hierzulande, sie sehen einen Wert von 200 Nanomol pro Liter als „normal“ an. Wir sollten uns aber an die europäischen Empfehlungen halten – auch wenn eine Überdosierung bei Vitamin D nur schwer zu erreichen ist.
Viele zieht es im Winter in die Sonne – oder, wenn auch nicht mehr so häufig wie früher, – ins Solarium. Kann das helfen?
Ein Sonnenurlaub hilft eine Zeit lang. Allerdings hält der Effekt nur vier bis sechs Wochen vor. Sonnenstudios empfehlen wir Hautärzte nicht, weil Sonnenbänke nur wenig UVB-Strahlung enthalten und nur die Haut schädigen. Sie sind also nicht geeignet, um den Vitamin-D-Speicher aufzufüllen.
Jetzt wird eher das Thema Sonnenschutz aktuell. Wie viel Sonne ist richtig für mich?
Auch das muss man differenziert betrachten. Es kommt darauf an, was für ein Hauttyp vorliegt. Ein dunkelhäutigerer oder mediterraner Typ verträgt die Sonne viel besser als ein hellhäutiger. Die starke Pigmentierung schützt diese Hauttypen auch besser vor Hautkrebs, denn das Melanin in der Haut absorbiert die UV-Strahlung und macht sie unschädlich. Dunklere Hauttypen können also ruhig in die Sonne gehen – und über Winter sollten sie Vitamin D substituieren. Denn durch ihre dunklere Haut bekommen sie weniger Vitamin D ab als hellere Typen. Sehr helle Hauttypen, zum Beispiel Blonde, Rothaarige, Menschen mit Sommersprossen und blauen Augen, sind meist besonders sonnenbrandgefährdet – und müssen mit der Sonne vorsichtig umgehen. Sie sollten deswegen ihren Vitamin-D-Spiegel im Auge behalten – auch im Sommer. Mein Credo, was die Sonne angeht: Es geht darum, vernünftig mit ihr umzugehen – und das kann eben auch heißen, mit gutem Gewissen in die Sonne zu gehen. Eine einseitige Verteufelung bringt nichts.
Und wie wirkt sich Sonnenschutz aus?
Sonnencremes mit hohem Schutzfaktor wie Sonnenblocker reduzieren die Vitamin-D-Synthese massiv. Im Sommer, etwa am Strand, wird man aber trotzdem genug abbekommen. Schließlich reibt sich die Creme wieder ab oder man cremt sich erst gar nicht überall ein.
Viele Gesichtscremes für Frauen haben Lichtschutzfaktor fünf. Ist das sinnvoll?
Das hat natürlich was mit Eitelkeit zu tun: Der Lichtschutzfaktor hilft, die sonnenbedingte Hautalterung zu bremsen. Und im Gesicht, einem Kommunikationsorgan ersten Ranges, zeigen sie sich leider besonders früh. Notwendig ist der Schutz, gerade im Winter, nicht.