InterviewJohannes Schmalzl und Michael Alpert „Wir haben nur eine Verschnaufpause“

Für IHK-Hauptgeschäftsführer Johannes  Schmalzl (links) und Michael Alpert, Geschäftsführer des IHK-Tags,  sind Strafzölle noch nicht endgültig vom Tisch. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Für IHK-Hauptgeschäftsführer Johannes Schmalzl (links) und Michael Alpert, Geschäftsführer des IHK-Tags, sind Strafzölle noch nicht endgültig vom Tisch. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Beim Thema Strafzölle können die Unternehmen erst einmal aufschnaufen. Johannes Schmalzl, der Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart, und Michael Alpert, Geschäftsführer des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages, sehen keinen Grund zur Entwarnung.

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Stuttgart - Beim Thema Strafzölle können die Unternehmen erst einmal aufschnaufen. Doch Johannes Schmalzl, der Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart und Michael Alpert, Geschäftsführer des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK), sehen keinen Grund zur Entwarnung.

Herr Schmalzl, Herr Alpert, US-Präsident Donald Trump hat die EU von seinen angedrohten Strafzöllen für Stahl und Aluminium ausgenommen. Ist dies ein Sieg des freien Welthandels?
Schmalzl Der Vorstoß des US-Präsidenten hat gezeigt, wie verletzlich die Welthandelsordnung ist. Wir stellen seit Jahren eine Zunahme von Handelsschranken und Protektionismus fest. Jetzt haben wir allenfalls eine Verschnaufpause. Wir können nicht ausschließen, dass es doch noch zu Strafzöllen kommt. Auch sind die Drohungen gegenüber der Autoindustrie noch nicht vom Tisch. Die Autoindustrie stellt den Nerv der Region Stuttgart dar.
Alpert Mit diesem Ergebnis ist erst einmal Zeit gewonnen. Wir müssen die Handelsbeziehungen in Zukunft neu auf die Schiene setzen. Hier denke ich perspektivisch im Sinne der Wirtschaft an ein Handelsabkommen der EU mit unserem wichtigsten Außenhandelspartner USA. Denn die USA werden auch weiter wichtigster Exportmarkt für unsere Betriebe bleiben. Ausfuhren aus Baden-Württemberg in die USA von 24,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr belegen dies nachdrücklich. Allein der Export von Fahrzeugen und Fahrzeugteilen betrug 2017 rund 8,3 Milliarden Euro.
Wie sollten die EU und Deutschland nun reagieren?
Schmalzl Wir müssen verstärkt dafür eintreten, dass die Regeln der Welthandelsorganisation von allen eingehalten werden und nicht der Stärkere dem Schwächeren einen Deal abpresst. Die EU hat angeboten, mit den USA über stark abweichende Zollsätze im transatlantischen Handel zu reden. Dieser Dialog ist sicherlich sinnvoll, er sollte auch bürokratische Hemmnisse, wie Doppelzertifizierungen beinhalten.
Alpert Zuerst sollten alle Beteiligten nach Möglichkeit einen kühlen Kopf bewahren. Auch die IHK-Organisation hat sich nicht zuletzt vor Ort über das Netz der Außenhandelskammern eingebracht und für freien Handel geworben. Im Endeffekt gehen solche Zollkriege auch zu Lasten der eigenen Wirtschaft – Protektionismus kennt kaum Gewinner.
Bei den Strafzöllen können die Unternehmen jetzt etwas aufatmen. Andere Sorgen bleiben. Als Hemmnis für ein weiteres Wachstum wird immer mehr der Mangel an Fachkräften hervorgehoben.
Schmalzl Wir haben eine brummende Konjunktur. Große Unternehmen können sich ihre Mitarbeiter noch aussuchen. Aber im Mittelstand ist der Fachkräftemangel ein echtes Problem. Allein in der Region Stuttgart werden uns bis 2030 jährlich im Durchschnitt rund 78 000 beruflich qualifizierte Fachkräfte fehlen, in Baden-Württemberg 266 000. Viele Unternehmen sind sehr verzweifelt. Alle Angebote der Kammer werden dankbar aufgegriffen, so etwa wenn wir Flüchtlinge oder Hochschulabbrecher vermitteln. Aber all dies wird nicht helfen. Wir brauchen eine gezielte Zuwanderung von Fachkräften in Mangelberufen. Die neue Bundesregierung muss dafür ein Gesetz vorlegen.
Alpert Entscheidend ist es, junge Menschen für eine betriebliche Ausbildung zu begeistern. Viele junge Leute erkennen aber auch zunehmend selbst, dass längst nicht jede akademische Ausbildung zu einer erfolgreichen Karriere führt. So haben beispielsweise von den jungen Menschen, die 2017 in der Region Stuttgart in eine Ausbildung gestartet sind 36 Prozent Hochschulreife. Auch die Eltern müssen begreifen, dass praktisch begabten Kindern eine berufliche Ausbildung mehr nützt als eine theoretische. Ein Meister verdient oft mehr als ein Bachelor-Absolvent.
Die Unternehmen hatten ursprünglich auch die Erwartung, dass Flüchtlinge den Mangel bei den Ausbildungsberufen mildern könnten. Haben sich diese Hoffnungen erfüllt?
Schmalzl Seit 2013 haben wir in unserer IHK 1800 Beratungen allein für Migranten und Flüchtlinge durchgeführt. Unter anderem haben wir dafür vom Land geförderte Kümmerer eingesetzt. Diese konnten bisher rund 360 Geflüchtete in Unternehmen vermitteln. Die Flüchtlinge müssen Sprachhürden überwinden und Scheine erwerben, die sie etwa als Elektriker brauchen. Zudem nehmen viele junge Männer keine Weisungen von Frauen entgegen. Sie kommen aus einer anderen Kultur. Doch wenn sie bei uns sind, müssen sie sich an unsere Regeln halten. Der Chef ist der Chef und das kann hier eben auch eine Frau sein.
Die Integration von Flüchtlingen ist ein Beispiel dafür, wo die Kammer den Unternehmen hilft. Diese müssen für die Leistungen der IHK aber auch Beiträge bezahlen. 2018 sollen diese aber deutlich geringer werden. Weshalb?
Schmalzl Jeder Cent, der nicht für die Arbeit der Kammer oder die Rücklagenbildung gebraucht wird, wird zurückgegeben. Deswegen hat die Vollversammlung beschlossen, dass die Beiträge für 2018 um 24 Prozent geringer sein werden. Das ist eine Entlastung für die Unternehmen um 8,5 Millionen Euro. Davon profitieren alle Beitragszahler. Dabei darf nicht vergessen werden, dass 40 Prozent unserer Mitgliedsunternehmen überhaupt keinen Beitrag zahlen, weil ihr Gewinn zu gering ist, also unter 5200 Euro im Jahr liegt. Und weitere sechs bis sieben Prozent zahlen nur den Mindestbeitrag, für 2018 also nur 19 Euro. Fast die Hälfte aller Mitgliedsunternehmen kann also die Leistungen der IHK in Anspruch nehmen, ohne einen Beitrag zu bezahlen.
Von den Mitgliedsbeiträgen wird auch der Hauptgeschäftsführer bezahlt. Laut Wirtschaftsplan der Kammer, der unserer Zeitung vorliegt, bekommen Sie ein garantiertes Jahresgehalt von 190 000 Euro.
Schmalzl Dass die IHK dies veröffentlicht, ist ein klares Signal an diejenigen, die stets Transparenz fordern. Ich liefere Transparenz. Brutto verdiene ich im Monat etwa 14 000 Euro, im Jahr gibt es 13,5 Monatsgehälter. Insgesamt bekomme ich also etwa 190 000 Euro im Jahr. Dazu kommen in meinem Vertrag noch 25 Prozent, wenn ich die Ziele erreiche, die mir das Präsidium gesetzt hat. Damit gibt es erstmals bei einem Hauptgeschäftsführer auch variable Bestandteile des Gehalts. Die Ziele ergeben sich aus dem Arbeitsprogramm der IHK. Ein Beispiel für ein solches Ziel ist die Digitalisierung der Kammerarbeit. Im Vergleich mit anderen Industrie- und Handelskammern ist das Gehalt eher im unteren Bereich der Skala angesiedelt.
Früher haben in Stuttgart der Hauptgeschäftsführer und seine beiden Stellvertreter zusammen mehr als 700 000 Euro verdient. Sind Sie bescheidener geworden als Ihre Vorgänger – oder auch als Hauptgeschäftsführer anderer Kammern, deren hohe Vergütungen in der Öffentlichkeit immer wieder Ärger und Unverständnis provoziert haben?
Schmalzl Ich versuche, bescheiden durchs Leben zu marschieren. Es gibt heute keine Kammer mehr, die Verträge mit einem Gehalt abschließt, wie das früher vielleicht mal der Fall war. Netto entspricht mein Gehalt dem, was ich früher im Bundesfinanzministerium verdient habe. Die Kammern orientieren sich heute bei neuen Verträgen eher an den Gehältern von Spitzenbeamten. Und dies ist auch richtig so. Wir leben von den Beiträgen unserer Unternehmen. Wer gerne Spitzenverdiener werden möchte, sollte in die Geschäftsführung eines mittelständischen Unternehmens wechseln. Ich hatte auch entsprechende Angebote. Wenn es mir also nur um das Geld gegangen wäre, hätte ich mit dem Wechsel zur IHK einen Fehler gemacht.

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