Jugendhaus in Stuttgart-Heslach Am Ende klackern die Spraydosen

Von Christoph Kutzer 

Das Jugendhaus in Heslach ist Geschichte. Besucher und Personal erwiesen dem Gebäude die letzte Ehre – und machten daraus eine Villa Kunterbunt.

Völlig legal ein Haus verschönern – das macht Spaß. Foto: Christoph Kutzer
Völlig legal ein Haus verschönern – das macht Spaß. Foto: Christoph Kutzer

S-Süd -

„Ich wollte das schon immer mal ausprobieren“, sagt Peo (13) und richtet die Düse seiner Farbdose auf die Fassade im Hof des Heslacher Jugendhauses. Ganz legal dürfen sich Jugendliche in der offiziellen Abschiedswoche unter der Anleitung erfahrener Sprayer an den Außenwänden des Gebäudes austoben. Von der Postleitzahl über Namens-Schriftzüge bis hin zum Bildnis von Jedi-Lehrmeister Yoda ist alles möglich. Nur politische Aussagen und Schweinkram sind unerwünscht – es sei denn, man gestaltet ihn so stilsicher wie Streetart-Künstler Peter Kosock, der eines der Fenster mit einer Sau umrahmt.

Im Haus wurde Popgeschichte geschrieben

„Einige Leute, die hier in den letzten Tagen vorbeigeschaut haben, um Erinnerungsfotos zu machen, oder sich an anderen Aktionen zu beteiligen, habe ich zum ersten Mal gesehen, als sie mit der Nasenspitze kaum über den Tresen ragten“, sagt der Jugendhausleiter Martin Wiltschek. 13 Jahre lang hat er die Geschicke der Einrichtung gelenkt. Der Abschied vom Standort an der Böblinger Straße ist für ihn im Moment vor allem mit Abschiedsschmerz verbunden. Dass hier Popmusikgeschichte geschrieben wurde, als Die Fantastischen Vier 1988, damals noch unter dem Namen Terminal Team, ihren ersten Auftritt in Heslach absolvierten, ist eine Sache. Für Wiltschek zählen eher die vielen kleinen Begegnungen – nicht nur bei Konzerten, die man den Nachbarn zuliebe gerne akustisch gehalten hat. „Wir waren hier eine Anlaufstelle für die Jugendlichen aus dem Stadtteil, egal ob sie jemanden suchten, dem sie bei Liebeskummer ihr Herz ausschütten konnten oder ob sie oben in den Sporträumen an ihrer Sommerfigur arbeiten wollten.“

Am Vortag gab es ein Wiedersehen mit einer jungen Frau, die vor zwei Jahren fast ohne Deutschkenntnisse aus Rumänien nach Stuttgart gekommen war. „Wir haben bei der ersten Begegnung jedes Wort einzeln nachgeschlagen und uns so sehr mühevoll unterhalten“, erinnert sich der 39-jährige Hausherr. „Die Sprachbarriere ist heute kein Thema mehr. Sie ist längst in der Stadt zuhause.“

Gitta Pratsch, die im Jugendhaus für offene Angebote und Mädchenarbeit zuständig ist, muss unterdessen ein Pärchen vertrösten, das auf der Suche nach einem geeigneten und erschwinglichen Party-Raum hereingeschneit ist. Ein 30. Geburtstag soll begangen werden. In der Vergangenheit wurde das Jugendhaus im Stuttgarter Süden immer wieder gern für private Feten gemietet. Jetzt kommt die Anfrage zu spät. Nach Ausklang der Abschiedswoche werden jetzt die Bagger anrücken, um ein Kapitel der Stadtgeschichte zu beenden. „Es gibt gute Gründe für den geplanten Neubau“, räumt Wiltschek ein. „Das Gebäude ist in keinster Weise barrierefrei, der Platz ist begrenzt, wenn der Gymnastikraum im ersten Stock belegt war, wackelten die Wände und WLAN hatten wir bis zum Schluss auch nicht.“

Kooperation mit dem Stuttgarter Senioren-Net

Trotzdem war hier immer eine Menge geboten. Einiges wird bleiben. So hat sich in Kooperation mit dem Stuttgarter Senioren-Net eine Werkstatt für PCs und Zubehör etabliert, in der Jugendliche und Rentner gemeinsam an Problemen arbeiteten. „Wir haben diese Begegnung zwischen den Generationen nicht künstlich etabliert“, betont Martin Wiltschek. „Sie hat sich entwickelt und als sehr fruchtbar erwiesen. Das werden wir sicherlich weiterführen.“ Auch das Team selbst wird vorerst unverändert bleiben.

Das Gebäude erstrahlt nun zum Abschied noch einmal in frischen Farben. Alessia hat ihren Namen auf die Wand aufgebracht. Zufrieden betrachtet sie die schwarz umrandeten Lettern. „Ein bisschen Hilfe habe ich schon gebraucht“, gibt sie zu. „Es war ja aber auch der erste Versuch.“ Neben dem Eingangsbereich füllen Kinder mit Mundschutz den kugeligen Körper einer Raupe aus, den ein erfahrener Sprayer skizziert hat. Es ist schwer vorstellbar, dass hier in wenigen Stunden Ruhe einkehren soll.

Auch der der Einrichtungsleiter dreht noch eine Runde ums Haus und lässt die Gedanken schweifen. „Schön waren immer die Tage, an denen man gute Gespräche geführt und Neues erfahren hat oder hilfreiche Tipps geben konnte“, blickt er zurück. Das konnten Diskussionen mit Rappern über ihre Texte sein oder der Austausch über berufliche Perspektiven. Die Erinnerungen werden bleiben, wenn Stuttgarts zweitältestes Jugendhaus abgerissen ist. Im September öffnet der Interimsstandort an der Finkenstraße seine Türen.




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