Junge Venezianer wehren sich Vom Leben in Italiens Disneyland

Von Almut Siefert 

Immer weniger Menschen leben in Venedig. Vor allem die junge Generation zieht weg. Eine Wohnung zu finden ist quasi unmöglich. Für Hausbesitzer ist es lukrativer, an Touristen zu vermieten. Nun wehren sich die jungen Bürger – sie wollen in ihrer Heimatstadt bleiben können.

Das größte Problem, mit dem die jungen Venezianer zu kämpfen haben, ist die Wohnsituation – Venedig ist begrenzt, von Wasser umgeben, Neubauten gibt es kaum. Foto: Almut Siefert
Das größte Problem, mit dem die jungen Venezianer zu kämpfen haben, ist die Wohnsituation – Venedig ist begrenzt, von Wasser umgeben, Neubauten gibt es kaum. Foto: Almut Siefert

Venedig - Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du liebst Venedig, oder du hasst Venedig. Das sagt zumindest Massimo. Der 34-Jährige hat eine Bar im historischen Stadtzentrum in der Nähe des Bahnhofs. „Wir Venezianer lieben unsere Stadt. Aber sie ist nun mal anders“, sagt er. Nicht nur wegen der Massen an Touristen. „Wohnt man auf der Insel hat man auch kein Auto zum Beispiel. Wenn es regnet, regnet es. Du musst trotzdem zu Fuß gehen.“ Er müsse nun auch schnell weiter, ruft er noch und verschwindet um die nächste Ecke in einer der engen Gassen.

Venedig war schon immer eine Stadt, in der viele Kulturen aufeinandertrafen. Die günstige Lage am Meer machte sie früh zur Handelsstadt. Steigt man heute aus dem Zug und tritt aus dem Bahnhof in die kleinen Gassen und die schmucken Brücken der Stadt, dauert es an diesem Tag genau vier Minuten und 16 Sekunden, bis man in dem allgemeinen Stimmengewirr zum ersten Mal Worte auf Italienisch hört. Und auch dieser Herr, der etwas barsch in sein Telefon brüllt, zieht einen Rollkoffer hinter sich her.

30 Millionen Touristen besuchen Venedig jedes Jahr – das prägt die Stadt

„Ich habe einfach Angst davor, wie Venedig in 30 Jahren sein wird“, sagt Marco Caberlotto. Geschätzt 30 Millionen Touristen kommen jedes Jahr nach Venedig. „Genau sagen kann man das nicht“, sagt der 25-Jährige. Etwa die Hälfte von ihnen käme nur für ein paar Stunden in die Lagunenstadt. „Gezählt werden können aber nur die Übernachtungen“, so Caberlotto. Und diejenigen, die nur so kurz bleiben, bringen der Stadt kaum Geld: „Sie zahlen keine Übernachtungssteuer und trinken während ihres Besuchs mal einen Kaffee, das war’s.“ Was ihn am meisten daran stört: „Die meisten von ihnen verlassen Venedig wieder, ohne die Stadt überhaupt kennengelernt zu haben.“

Die Zahl der Besucher Venedigs hat sich in den vergangenen 25 Jahren fast vervierfacht. Der steigenden Masse der Touristen stehen in Venedigs historischem Zentrum immer weniger Einwohner gegenüber. Unter 55000 ist die Zahl in diesem Jahr gerutscht - Tendenz weiter sinkend. Vor 1990 waren es noch 78000 Einwohner. Fast die Hälfte derer, die noch da sind, sind älter als 60. Nur etwa 9000 sind unter 18. „Aus meiner Klasse, wir waren damals 25 Jungen und Mädchen, leben heute mit mir zusammen noch sieben hier in der Stadt“, erzählt Caberlotto. Der gebürtige Venezianer ist einer der Mitbegründer der „Generazione90“, einer Initiative junger Leute, die sich nun dagegen wehren, dass sich ihre Stadt immer mehr den anscheinenden Bedürfnissen der Touristen anpasst, anstatt sich am Alltagsleben ihrer Bewohner zu orientieren. Sie wollen Venedig wieder lebenswerter machen. Und das soll am Ende auch den Touristen zu Gute kommen.

Im Juni dieses Jahres haben eine Handvoll junger Venezianer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren die Initiative gegründet. „Ich bin 1991 geboren. Wir sind die letzte Generation, die Venedig noch als halbwegs normale Stadt erleben durfte.“ Wieviele heute der Initiative „Generazione90“ angehören, weiß Caberlotto nicht. Es gibt keine Mitgliederliste, jeder der will, kann mitmachen, die politische Gesinnung zählt nicht. „Zu unseren Treffen kommen immer circa 40 Leute“, erzählt er. Nicht immer dieselben - der Kreis wächst.

Das größte Problem ist es, eine bezahlbare Wohnung zu finden

Das größte Problem, mit dem die jungen Venezianer zu kämpfen haben, ist die Wohnsituation. Venedig ist begrenzt, von Wasser umgeben, Neubauten gibt es kaum. Und für Hauseigentümer ist es wirtschaftlich lukrativer, ihren Wohnraum an Touristen zu vermieten als an Einheimische. „Für eine kleine 40 Quadratmeter-Wohnung, die noch nicht mal gut in Schuss ist, zahlt man hier auf der Insel mehr als 1000 Euro“, sagt Caberlotto. Er hat Glück: Er wohnt direkt an der berühmten Rialto-Brücke – in einem Haus, das seiner Mutter gehört. Der Mitarbeiter einer Film-Produktions-Firma in Maestre zahlt daher keine Miete.

Piero Dri kann sich die Mieten in der Stadt nicht leisten. Der 33-Jährige lebt daher noch bei seiner Familie. Dri hat in Padova Astronomie studiert, hat aber bereits während des Studiums gemerkt, dass das Akademische Leben nichts für ihn ist. Heute steht er in seiner Werkstadt, in der der Duft nach Sägespänen und der beige Staub, der in der Luft hängt, bereits von seiner Arbeit erzählen, bevor er damit beginnt. Dri ist Forcolaio. Er beherrscht damit ein traditionelles Handwerk – er stellt die Gabeln her, die als Halterung und Stabilisierung der Ruder der Gondoliere dienen. Zwischen 150 und 1100 Euro kostet eine Gabel, die er aus einem einzigen Stück Walnussbaumholz fertigt. Außer ihm gibt es noch drei weitere Meister in der Stadt, die diese Kunst beherrschen.




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