Katholische Kirche in Stuttgart Spirituelles Zentrum hat eröffnet

Von Tilman Baur 

Die katholische Kirchengemeinde St. Fidelis in Stuttgart hat nach ihrem Umbau eröffnet und zeigt sich in hellem, freundlichem Gewand.

Gottesdienst zur Eröffnung des spirituellen Zentrums. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt 8 Bilder
Gottesdienst zur Eröffnung des spirituellen Zentrums. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stuttgart - Die katholische Kirche in Stuttgart hatte am Sonntag Grund zum Feiern – und hat gleichzeitig Neuland betreten. Anlass zum Feiern gab es in der Kirchengemeinde St. Fidelis im Stuttgarter Westen deshalb, weil die Gemeindemitglieder den Gottesdienst endlich wieder in ihrer eigenen Kirche begehen durften, nachdem sie gut ein Jahr lang wegen des Umbaus in andere Gotteshäuser hatten ausweichen müssen.

Eine ganz neue Ära bricht für St. Fidelis deshalb an, weil die katholische Kirche in Stuttgart sie für ein Experiment namens Spirituelles Zentrum Station S ausgewählt hat. Die Kirche selbst sieht in ihrem Zentrum einen „Ort der Stille und des Auftankens mitten in der Stadt. Wir bieten Menschen, die auf der Suche sind, altbewährte und neue experimentelle, spirituelle Angebote“, heißt es auf einem Flyer. Einem genau bestimmten Ort ist das Spirituelle Zentrum nicht zugeteilt.

Bedürfnis nach Spiritualität ist groß

Die geplanten Veranstaltungen sollen im Kirchenraum selbst stattfinden, im neu entstandenen Meditationsraum am Ende des Kirchenraums, im Pfarrhaus und im sogenannten Raum der Stille, der über einen Seiteneingang erreichbar ist. Pressesprecherin Nicole Höfle verweist darauf, dass nur acht Prozent aller Stuttgarter Katholiken heute noch den sonntäglichen Gottesdienst besuchten. Gleichzeitig sei das Bedürfnis nach Sinnsuche und Spiritualität groß, es steige sogar. Die Kirche müsse neue Angebote machen, so Höfle. Was aus dem Experiment wird, kann heute freilich noch niemand sagen. Auswahl bietet die Kirche den Sinnsuchenden reichlich: Im Programm für das kommende Jahr stehen unter anderem Workshops zu Themen wie Partnerschaft oder Schwangerschaft, Lesungen, Vorträge, Yogakurse und auch ein Theaterstück. Der Gottesdienst aus Anlass der Wiedereröffnung in der übervollen Kirche – Dutzende Besucher mussten stehen – verlief indes eher nach dem Geschmack liturgischer Traditionalisten. Doch auch Gebhard Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, nahm Bezug auf die Neuartigkeit des Unterfangens.

Der Umbau sei „mehr als ein Bauprojekt“ gewesen, sagte Fürst, vielmehr eine Phase der Neuorientierung. Die Beteiligten hätten Geist und Kreativität gezeigt und einen wunderbaren, lichten Raum in geistlicher Atmosphäre geschaffen. Diese geistliche Atmosphäre könne man in der renovierten Kirche leiblich erleben, sagte Fürst. „Es ist ein Ort, an dem die Seele dem Alltag nicht nur entgehen, sondern sich ganz neu bewähren kann.“ Tatsächlich wirkt der Kirchenraum mit seinen weißen Wänden und hellbraunen Holzvertäfelungen an der Decke freundlich, hell und einladend. Insgesamt hat die Renovierung 2,8 Millionen Euro gekostet. Verantwortlich zeichneten die Architekten Domenik Schleicher und Michael Ragaller vom Stuttgarter Büro Schleicher Ragaller.

Kirche muss neue Wege gehen

Stadtdekan Christian Hermes sprach in seinem Grußwort darüber, was die Kirche dazu bewogen hat, neue Schritte zu gehen. „Wir haben als Stuttgarter Kirche schon 2011 mit dem Prozess Aufbrechen begonnen – aus dem heraus auch die Idee eines Spirituellen Zentrums entstanden ist mit breiter Beteiligung von Menschen aus der Kirche“, so Hermes. Schon damals sei klar gewesen, dass man nicht nur strukturell und finanziell Veränderungen angehen müsse, sondern auch pastoral und inhaltlich, sagte Hermes, der von „glaubwürdigen Angeboten mit Relevanz für die Menschen in der Großstadt“, sprach. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes am Sonntag stand die Weihe des neuen Altars, den der Künstler Martin Bruno Schmid ebenso wie Ambo, Taufbecken und Tabernakel aus einem einzigen Stein herausgearbeitet hat. Freunde symbolischer Riten kamen dabei auf ihre Kosten und konnten dem Bischof dabei zusehen, wie er mit der bloßen Hand das auch bei Taufen eingesetzte Chrisamöl an fünf Stellen des steinernen Altars verrieb und anschließend Weihrauch darauf verbrannte. Die fünf Stellen stehen symbolisch für die Wundmale Christi. Nach dem zweistündigen Gottesdienst nutzten die Gemeindemitglieder die Möglichkeit, ihre neue Kirche zu erkunden. Vor allem der Meditationsraum am Ende des Kirchenraums stieß auf reges Interesse: Er ist durch große Holzpaneele vom Rest des Raums abtrennbar und kann in kalten Wintermonaten auf bis zu 23 Grad aufgeheizt werden.

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