Kinokritik: Das Vorspiel Eine Geigerin überspannt den Bogen

Nina Hoss in „Das Vorspiel“ Foto: Verleih
Nina Hoss in „Das Vorspiel“ Foto: Verleih

In dem Kinodrama „Das Vorspiel“ verkörpert Nina Hoss eine Musikerin, Mutter und Liebhaberin im Gefühlschaos.

Stuttgart - Erst kürzlich trieb in Jan-Ole Gersters Porträtdrama „Lara“ eine so biestige wie markante Frauengestalt (Corinna Harfouch) ihr amüsant-böses Spiel. Nun bringt die die Filmemacherin Ina Weisse in „Das Vorspiel“ die nicht weniger kantige Geigenlehrerin Anna Bronsky (Nina Hoss) in die Kinos. Wie Gersters Lara ist auch Anna eine schwierige Person in komplizierten Verhältnissen.

Mit dem französischen Geigenbauer Philippe (Simon Abkarian) führt sie eine äußerlich liebevolle Ehe – gegen den Willen ihrer Eltern. Viel mehr fühlt sich Anna aber zum Musiker Christian (Jens Albinus) hingezogen, vielleicht auch, weil der Anna die Chance verschafft, wieder mit einem Violinensemble aufzutreten. Anna hatte ihren Bogen lange in die Ecke gestellt und triezt seitdem verbissen den Nachwuchs am Konservatorium. Als der junge Alexander (Ilja Monti) vorspielt, sieht Anna in ihm ein Ausnahme-Talent. Ganz im Gegensatz zu ihren Kollegen, die lieber Annas Sohn Jonas (Serafin Gilles Mishiev) zum Violin-Virtuosen schleifen wollen.

Eisige Erstarrung, zickige Überspanntheit

Ina Weisse und ihre Co-Autorin Daphne Charizani haben den komplexen Plot aus vielen Fäden geknüpft, ein Hauptthema ist aber die Konkurrenz in verschiedenen sozialen Konstellationen: So fühlt sich Anna ständig zurückgesetzt und muss sich im Kollegium besonders gegen Frau Köhler (Sophie Rois) behaupten, die Jonas unterrichtet und ihn in Stellung bringt gegen Annas Favoriten Alexander. Dann sind da noch Annas merkwürdig grantige Eltern, gegen die Anna selbst als Erwachsene opponiert. Den Gatten Philippe positioniert Weisse als sensibel-wortkargen Handwerker gegen den eloquenteren Schöngeist Christian.

Zu durchsichtig hantiert die Filmemacherin hier mit Prototypen, wodurch ihre im Kern nicht uninteressante Erzählung an Glaubwürdigkeit einbüßt. Besonders schwer hat es aber Nina Hoss mit ihrer Anna. Zwischen eisiger Erstarrung und zickiger Überspanntheit pendelt die Figur, viele ihrer Handlungen wirken künstlich aufgesetzt – etwa wenn sie bei einem Restaurantbesuch mit Philippe aus Unentschlossenheit ständig den Tisch wechselt. Das inszeniert Weisse als absurdes Slapstick-Ballett, was so gar nicht passt zum diffus-düsteren Tenor der restlichen Szenen.

Hände auf die Brüste

Wenn Anna dann in einer ausgesprochen peinlichen Szene ihren Liebhaber in der Öffentlichkeit der Schule bittet, ihre verhärteten Brüste anzufassen, und der wie gebeten seine Hände in Annas Ausschnitt schiebt, verliert dieses überladene Psychogramm endgültig seinen Realitätsbezug. Dass Weisse hier vielleicht versucht, ein äußeres Bild für Annas Verzweiflung über ihre emotionale Unterkühlung zu finden, schmälert nicht die Fremdscham darüber. Ein seltsames Spiel, das ratlos macht.

Das Vorspiel. Deutschland, Frankreich 2019. Regie: Ina Weisse. Mit Nina Hoss, Simon Abkarian, Sophie Rois. 99 Minuten. Ab 12 Jahren.




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