Kinokritik: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ Rette sich, wer kann!

Von Bernd Haasis 

Matti Geschonneck erzählt die Geschichte einer zerrissenen Familie in den letzten Tagen der untergehenden DDR. Dabei offenbart er die absurde innere Mechanik autoritärer Staaten.

Artig Schlange stehen vor einem Jubilar, der in Wahrheit  gescheitert ist wie die Diktatur, der er sich verschrieben hat:  Bruno Ganz (li.) in „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ Foto: Verleih
Artig Schlange stehen vor einem Jubilar, der in Wahrheit gescheitert ist wie die Diktatur, der er sich verschrieben hat: Bruno Ganz (li.) in „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ Foto: Verleih

Stuttgart - Um gleich einem irrführenden ­Reflex vorzubeugen: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist nicht einfach nur ein DDR-Film und schon gar keine Ode an die Ostalgie. Matti ­Geschonnecks Adaption des Romans von Eugen Ruge spielt zwar in den letzten ­Tagen der DDR, reicht über diese aber weit hinaus: Sie offenbart die absurde ­innere Mechanik autoritärer Staaten, die damit einhergehenden menschlichen Verwerfungen und den letztlich unvermeidlichen Niedergang. Dieser betrifft auch die Idee des Sozialismus, die ihre Strahlkraft spätestens mit Stalins Wüten einbüßte – der Titel verweist nur vordergründig auf die Zeit der Kartoffelernte im Ural.

Geschonneck (65, „Boxhagener Platz“) und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase (86, „Sommer vorm Balkon“) erzählen vom kleinen Parteifunktionär Wilhelm Powileit (Bruno Ganz). Zu dessen neunzigstem Geburtstag im Frühherbst 1989 erscheinen in einem Ostberliner Vorort die uneinige Familie sowie ein üppiges offizielles Aufgebot der untergehenden DDR. Der zynische Jubilar hat es trotz harter sowjetischer Schule nicht zum einflussreichen Schwergewicht gebracht, sondern vegetiert schon lange als Vorzeige-Fossil der Revolution auf dem Abstellgleis vor sich hin. Powileits Frau Charlotte (Hildegard Schmahl) verachtet ihr Leben in der DDR, ihr Herz ist im mexikanischen Exil geblieben. Sohn Kurt (Sylvester Groth), ein geschmeidiger Opportunist, nutzt das System nach Kräften aus, während seine angeekelte russische Frau Irina (Evgenia Dodina) sich ungebremst dem Wodka hingibt und eine Szene nach der anderen macht. Sohn Sascha (Alexander Fehling) ist auf dem Sprung in den Westen, die russische Mama Irina (Nina Antonowa) sehnt sich zurück in die bäuerliche Unmündigkeit am Ural.

In feisten Gesichtern spiegeln sich unerfüllte Lebenswünsche

Bedrückende Sprachlosigkeit herrscht da zwischen Worthülsen, in feisten Gesichtern spiegeln sich unerfüllte Lebenswünsche und die Widersprüche einer gescheiterten Utopie. Der Tisch aus einem früheren Deutschland bricht zusammen unter der Last des groben Mangelwirtschafts- Büffets. Kaum jemand entkommt der allgemeinen Erstarrung , obwohl es längst heißt: Rette sich, wer kann!

Die Inszenierung funktioniert, weil die Filmemacher die DDR selbst erlebt haben und nun sehr glaubhaft in Bilder und Worte fassen. Geschonneck wurde 1978 als Wolf-Biermann-Sympathisant aus der DDR ausgebürgert. Wolfgang Kohlhaase gilt als wichtigster ostdeutscher Drehbuchautor, der die Zensur sprachakrobatisch zu umschiffen wusste in menschlichen, universellen Alltagsgeschichten wie „Solo Sunny“ (1980), einem Film über eine junge Frau, die Schlagersängerin werden möchte, um der Tristesse des Daseins als Arbeiterin zu entkommen.

Hätte man sich selbst verbiegen lassen?

Wie das ausgesuchte Ensemble das elaborierte Personaltableau zum Leben erweckt, ist eine Offenbarung. Bruno Ganz spielt Wilhelm Powileit als den harten, verbitterten Knochen, als den man sich den Hitler im „Untergang“ hätte vorstellen können – mit meisterhaftem Timing verteilt er seine Spitzen. Sylvester Groth („Inglourious Basterds“) ist grandios als perfekter Charmeur am Ende seines ­Lateins, Evgenia Dodina gelingt als Irina ein großer Auftritt als Femme fatale.

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist komödiantisch wie „Goodbye, Lenin“ (2003), politisch wie „Das Leben der Anderen“ (2006), menschlich wie die TV-Serie „Deutschland ’83“ (2016), blickt aber viel tiefer ins Innere des Systems. Geschonnecks Film kommt noch viel näher heran an die Grundfragen, hinter denen die DDR zur exemplarischen Folie schrumpft, die ihrer realen Bedeutung in der Geschichte der Diktaturen entspricht: Hätte man sich selbst verbiegen lassen? Hätte man widerstanden? Hätte man sich durchgemogelt?




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