Kinokritik: Jojo Rabbit Mit Adolf im Sommercamp

Von Kathrin Horster 

Taika Waititi schlägt in seiner Satire über eine Kindheit in Nazi-Deutschland den Bogen zwischen hysterischer Niedlichkeit und konventioneller Anti-Kriegs-Erzählung.

Der Führer steht ihm virtuell zur Seite: Roman Griffin Davis (rechts) als Jojo, Taika Waititi als Adolf Hitler Foto: Verleih 13 Bilder
Der Führer steht ihm virtuell zur Seite: Roman Griffin Davis (rechts) als Jojo, Taika Waititi als Adolf Hitler Foto: Verleih

Stuttgart - Für junge Menschen heute ist der Alltag unterm Nationalsozialismus kaum mehr vorstellbar. Filme liefern konservierte, oft re-inszenierte Eindrücke dieser Zeit, die manche gern aus dem kollektiven Gedächtnis tilgen würden – aus Scham, in Verleugnung eigener Haltungen oder schlicht aus Ignoranz nach dem Motto: Alles lange vorbei und ergo nicht mehr relevant.

Allein deshalb verdient Taika Waititis Satire „Jojo Rabbit“ über die fiktive Kindheit des überzeugten Hitlerjungen Jojo Betzler Aufmerksamkeit. Der Filmemacher, Sohn eines neuseeländischen Maori und einer Europäerin russisch-jüdischer Herkunft, schildert den Alltag der Deutschen in den letzten Kriegsmonaten aus Sicht des Achtjährigen Jojo (Roman Griffin Davis). Nach dem Tod der Schwester und der Einberufung des Vaters lebt er mit seiner Mutter Rosie (Scarlett Johansson), und die Welt ist für ihn trotz allem noch heil: Bei der Hitler-Jugend werden olle Bücher im Lagerfeuer verbrannt, der nette Hauptmann Klenzendorf (Sam Rockwell) führt waghalsige Schieß-Tricks vor, und wenn Jojo traurig ist, tröstet ihn sein imaginärer Spielkamerad Adolf (Taika Waititi), ein aufgeputscht-freundliches Ebenbild des Führers.

Die Nazis wirken lächerlich – und schockierend harmlos

Die Anlage dieser kindlichen Innenwelt ist mutig wie heikel, weil Waititi („Thor: Tag der Entscheidung“) eine verniedlichte Variante des Nazi-Reiches zeichnet. Er unterlegt historische Aufnahmen Hitlers vor begeistert rasenden Massen mit dem deutschsprachigen Beatles-Hit „Komm, gib mir deine Hand“ – eine extrem zugespitzte Darstellung des Diktators als Popstar. Im HJ-Camp proben die Kinder Kampftechniken zur rebellisch-donnernden Anti-Hymne „I don’t wanna grow up“ von Tom Waits, angestachelt vom properen Fräulein Rahm (Rebel Wilson). Die volle satirische Wucht der brüllend komischen und deshalb diskussionswürdigen Szene entfaltet sich nur im englischen Original, weil die Figuren mit haarsträubendem deutschem Akzent sprechen: „Hey Kits, let’s böarn samm buxs“! So wirken die ohnehin kuriosen Typen Kenzendorf oder Rahm als stramme Nazis noch lächerlicher, aber auch schockierend harmlos.

Waititi geht ähnlich vor wie einst Charlie Chaplin: Der versuchte in „Der große Diktator“ (1940) als Zeitgenosse Hitlers und Mussolinis deren brutale Politik ins Lächerliche zu ziehen und sie so zu diskreditieren. Im Gegensatz zu Chaplin, der 1940 noch nicht die vollen Auswirkungen des Nazi-Terrors abschätzen konnte, überblickt Waititi heute das gesamte Ausmaß der Katastrophe. Man kann ihm deshalb durchaus ankreiden, er gehe zu leichtfertig mit der historischen Realität um.

Hitler als Sandkastenfreund

Jojos Mutter Rosie aber wirkt als Gegengewicht zu den hysterisch-komischen Faschisten und bindet den Plot an die Muster konventionellerer Anti-Kriegs-Erzählungen an. Die alleinerziehende Mutter will ihr Kind mit humanistischen Werten impfen, sie ist Antifaschistin und versteckt in einer Dachkammer ein jüdisches Mädchen namens Elsa (Thomasin McKenzie). Jojos Vater ist auch nicht an der Front, sondern Widerständler. Nachvollziehbar thematisiert Waititi Rosies widerstreitende Gefühle, ständig in der Furcht vorm Verrat durch ihr eigenes, indoktriniertes Kind, aber auch durchdrungen von der Liebe zum noch unschuldig-naiven Jojo, der in Adolf Hitler bloß einen Sandkastenfreund und Vaterersatz sieht und keinen brutalen Misanthropen.

Über Jojos weichgezeichnete Wahrnehmung macht Waititi deutlich, wie prägend sich die Nazi-Ideologie auf Kinder auswirkte, weil sie kein Faschismus-unabhängiges Wertesystem aufbauen konnten. Als Jojo die auf dem Dachboden versteckte Jüdin Elsa findet, muss er sein bisheriges Weltbild hinterfragen und eine eigene Haltung entwickeln. Indem er sie von den menschenverachtenden Zerrbildern des Judentums ablöst, enttarnt er die Nazi-Ideologie als Schwachsinn und macht sie damit – zumindest für sich – unschädlich. Das löst zwar nicht alle Probleme, auch nicht in der Realität des Films, dockt aber ans Verständnis heutiger Generationen an, die kein unmittelbares Bild des Faschismus mehr entwickeln können – dafür aber das Bewusstsein, dass Hass und Leugnung in die Katastrophe führen, ganz egal, wo und wann.

Jojo Rabbit. USA 2019. Regie: Taika Waititi. Mit Scarlett Johansson, Roman Griffin Davis, Sam Rockwell, Rebel Wilson. 108 Minuten. Ab 12 Jahren.