Kinokritik: The King – Mit Elvis durch Amerika Mit Alec Baldwin im Rolls Royce

Von Bernd Haasis 

Auf den Spuren Elvis Presleys sucht der Dokumentarfilmer Eugene Jarecki nach dem amerikanischen Traum. Dabei trifft er unter anderen den Rapper Chuck D sowie die Schauspieler Ethan Hawke und Alec Baldwin.

Mit dem Rolls Royce auf dem Weg nach Hollywood: Szene aus „The King“ Foto: Verleih
Mit dem Rolls Royce auf dem Weg nach Hollywood: Szene aus „The King“ Foto: Verleih

Stuttgart - Es existiert noch, das andere Amerika, das differenziert auf die Welt blickt, selbstkritisch die Auseinandersetzung sucht und komplexe Sachverhalte nicht auf Tweets reduziert. Der Dokumentarfilmer Eugene Jarecki ist in Elvis Presleys Rolls Royce durch die USA gefahren, um dem Zustand des amerikanischen Traums nachzuspüren. Das Ergebnis ist eine brillant montierte Bestandsaufnahme.

Im Präsidentschaftswahlkampf sucht Jarecki die Stationen eines Lebens auf, Elvis’ Geburtsort Tupelo, Mississippi, wo er bis heute wichtigste der Devisenbringer ist, den Schmelztiegel Memphis, in dem er zum Rock’n’Roller wurde, Hollywood, wo er unzählige Filme drehte, die heute niemand mehr aushält, und schließlich Las Vegas, wo Elvis Presley verglühte. Historische Aufzeichnungen begleiten die biografischen Wandlungen mit viel Musik. Überall diskutiert Jarecki mit Intellektuellen, Schauspielern, Musikern. Der brillante Donald Trump-Imitator Alec Baldwin glaubt da noch, dieser Typ könne unmöglich gewählt werden. Der Polit- Rapper Chuck D von Public Enemy fragt, ob Elvis den Afroamerikanern ihre Musik gestohlen hat. Der Schauspieler Ethan Hawke („Maudie“) moniert, Elvis habe sich immer fürs Geld entschieden und nie für die Kunst.

Jarecki entlarvt die konsequente Selbstvermarktung, der Elvis Presley sich unterworfen hat, und er zieht Parallelen zu Amerika selbst – er zeigt ein Land, in dem nichts mehr zählt unabhängig von ökonomischer Verwertbarkeit. Lange gültige Prinzipien, historische Errungenschaften geraten in den Hintergrund. Als Kronzeugen treten in Schlaglichtern Menschen wie der widerständige Boxer Muhammad Ali und der ­visionäre Bürgerrechtler Martin Luther King auf. Nicht-Amerikanisten könnte schwindlig werden bei diesem gehaltvollen Parforce-Ritt durch die US-Geschichte, doch Jarecki setzt kluge Verschnaufpausen mit Musikern, die im Rolls kleine Ständchen geben, und auch mit Elvis-Fans, die ihr Idol bis heute anhimmeln.

Inmitten scharfer Analysen produziert der Regisseur köstliche Anekdoten. Im Gespräch darüber, wie aus dem Rockabilly-Verführer Elvis ein weichgespülter Entertainer wurde, als er 1955 vom Independent-Label Sun Records zum Major-Label RCA wechselte, demonstriert ein Zeitzeuge in wenige Sekunden auf einer Akustikgitarre, was echter, afroamerikanisch geprägter Rock’n’Roll ist – und was nicht.

„Nicht Elvis hat den Schwarzen ihre Musik gestohlen, sondern die Musikindustrie“, sagt Jarecki am Rande der Premiere seines Films in Stuttgart. „Der Kapitalismus ist ein gefräßiges Monster, und wir entlassen wir ihn aus der Verantwortung, wenn wir solche Konflikte personalisieren. Aber eine Frage ist berechtigt: Wo war Elvis, als er die afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung hätte unterstützen können?“ Jarecki glaubt auch nicht, dass früh verstorbene Stars wie Elvis Opfer sind: „Er hat seinen Weg selbst gewählt. Wir liefern uns alle Systemen aus, die wir nicht kontrollieren können, aber Facebook zum Beispiel ist ja ein Witz verglichen mit den Verlockungen, denen Elvis ausgesetzt war.“

Und Donald Trump? „Ich dachte: Dieses Land ist tot auf dem Klo wie Elvis damals, was mache ich jetzt mit meinem Film?“, sagt Jarecki. „Aber dann habe ich mich daran erinnert, dass man nie die Politik mit den Menschen verwechseln darf: die Metoo-Debatte, die Blacklivesmatter-Bewegung, die Schüler von Parkland – all das gibt mir große Hoffnung .“




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