Kinokritik: Vox Lux Mephisto kürt den Superstar

Von Kathrin Horster 

Brady Corbets Musikdrama ist eine großspurige, aber auch kluge Fantasie über den Zusammenhang von Pop und Gewalt.

Natalie Portman als Popsängerin, die Comeback versucht in „Vox Lux“ Foto: Verleih 19 Bilder
Natalie Portman als Popsängerin, die Comeback versucht in „Vox Lux“ Foto: Verleih

Stuttgart - Urplötzlich steht der Junge da, ganz in Schwarz, sein Blick umflort von dramatisch glitzerndem Lidschatten. Zweimal sagt er seinen Namen, dann eröffnet er das Feuer auf die Lehrerin und die Kinder im Klassenraum. Das Mädchen Celeste (Raffey Cassidy) bleibt erstaunlich ruhig und will mit dem Schützen beten, wenn der ihre Kameraden verschont. Doch der Junge ballert weiter, getroffen geht Celeste zu Boden.

Die ersten Minuten von Brady Corbets Musik-Drama „Vox Lux“ sind hart, wegen des lakonischen, fast zynischen Untertons dieser zentralen Szene: Die Bluttat wird zur eigentlichen Geburtsstunde der Protagonistin. Die fiktive Handlung setzt ein im Jahr 1999, als sich in der Wirklichkeit der Amoklauf an der Columbine Highschool in Littleton ereignete. Bis heute bezeichnet der Ortsname ein Trauma und einen kulturellen Wendepunkt in den USA.

Eine Überlebende wird zum Teenie-Idol

Dieser Wende nimmt sich nun der Schauspieler Brady Corbet an in seiner zweiten Regiearbeit mit dem provokant großspurigen Untertitel „A 21st Century Portrait“. Wie Littleton die USA veränderte, wandelt sich auch das Leben von Celeste durch die Zäsur des Amoklaufs im Film. Als die einzige Überlebende des Massakers im Rahmen einer Gedenkfeier einen selbstkomponierten Song vorträgt, avanciert sie erst zum Sprachrohr der Opfer und schließlich zum Teenie-Idol.

In zwei langen Kapiteln schildert Corbet Celestes Werdegang als so außergewöhnlich wie mustergültig im Kontext der Millenniums-Zeit. Der erste, „Genesis“ überschriebene Teil erzählt, wie Celeste nach der Katastrophe mit den Folgen zu leben lernt, bloß, um von einem mephistophelischen Manager (großartig: Jude Law) ins Showgeschäft gezogen zu werden. Der zweite Abschnitt „Regenesis“ zeigt Celeste (herausragend: Natalie Portman) als ordinär-exaltierte Frau Mitte Dreißig, als Alkohol- und Drogenwrack, als überforderte Mutter, die im Jahr 2017 ein Comeback versucht.

Sehnsucht nach Heilsbringern

Der reine Plot wäre banal würde Corbet nicht entlang dieser Biografie aufzeigen, wie sich das Böse in neuer Form und Qualität im 21. Jahrhundert Bahn bricht. In der tragischen Frauengestalt sind Merkmale prototypischer Stars wie Madonna, Jennifer Lopez, Lady Gaga und David Bowie vereint.

„Vox Lux“ ist ein anspielungsreiches Werk, das klug Zusammenhänge zwischen Pop und Gewalt knüpft. So kann Celeste überhaupt nur als Überlebende aus der Masse herausstechen, ihr bescheidenes Talent spielt keine Rolle. Und nach kollektiven Gewalterfahrungen wie 9/11 und den seit 1999 alltäglich gewordenen School Shootings sehnen sich die Menschen nach Heilsbringern, denen sie in Massenevents huldigen. Celeste, erzählt der Film, ist letztlich bloß ein Spielball des Glücks, die willfährige Marionette einer höheren Macht, die sie einst am Leben ließ. Eine wuchtige Fantasie!

Vox Lux. USA 2018. Regie: Brady Corbet. Mit Natalie Portman, Jude Law, Raffey Cassidy. 110 Minuten. Ab 16 Jahren. EM