Kinokultur in Stuttgart-Zuffenhausen Als die Bilder laufen lernten

So sahen die „Z-Lichtspiele“ an der damaligen Stuttgarter Straße (heute Ludwigsburger Straße 105) 1942 aus. Vor Kurzem wurde das Gebäude abgerissen. Foto: Stadtarchiv Stuttgart
So sahen die „Z-Lichtspiele“ an der damaligen Stuttgarter Straße (heute Ludwigsburger Straße 105) 1942 aus. Vor Kurzem wurde das Gebäude abgerissen. Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Zuffenhausen erstmals Filme öffentlich vorgeführt. Während der NS-Zeit nutzten die Machthaber die Lichtspieltheater für Propagandazwecke. Heute gibt es im Bezirk keine Kinos mehr.

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Zuffenhausen - Vor Kurzem wurde das Gebäude Ludwigsburger Straße 105 abgerissen (wir berichteten). Nur wenige Menschen wissen heute noch, dass in dem Haus (damals Stuttgarter Straße 20) früher das seinerzeit größte Kino Zuffenhausens untergebracht war. Die „Z-Lichtspiele“ hatten 400 Sitzplätze und wurden nach den Plänen der Architekten Rudolf Eckert und Ernst Schäfer gebaut. Eröffnet worden waren sie am 28. November 1930. Gut drei Jahrzehnte wurden dort Filme gezeigt, 1964 fiel dann der letzte Vorhang.

Stummfilme im Wirtshaus

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in Zuffenhausen bewegte Bilder vorgeführt. Zwar gab es zunächst kein eigentliches Kino, stattdessen wurden die Kinematographen – große sperrige Kästen mit Handkurbel – in Gaststätten aufgebaut. Es handelte sich ausschließlich um Stummfilme, die manchmal von Klavier- oder Geigenmusik begleitet wurden. Die wohl erste derartige Vorführung gab es 1904 im Wirtshaus „Zum Alten Lamm“, gezeigt wurde die Überfahrt eines Dampfers von Bremerhaven nach New York.

Das erste „richtige“ Kino Zuffenhausens war das „Viktoria“ an der damaligen Bahnhofstraße 42 (heute Unterländer Straße). Es wurde am 6. November 1910 im Saal der Gaststätte „Zum Anker“ eröffnet. „Wie die Welt von oben aussieht“, so lautete der Titel bei der Premierenvorstellung. Zu sehen gab es Aufnahmen, die vom Luftschiff „Schwaben“ gemacht worden waren. Lange existierte das „Viktoria“ nicht, spätestens 1932 war wohl Schluss, denn damals war im Adressbuch an dieser Stelle kein Kino mehr verzeichnet.

An der Bahnhofstraße 67 entstand das zweite Kino am Ort. Das „Lichtspieltheater Zuffenhausen“ feierte seine Premiere am 4. November 1911. Es war eine eher kleine Einrichtung und in späteren Jahren auch als „Floh- oder Schlappschuhkino“ bekannt. In der „Alltäglichen Rundschau“ vom 7. September 1912 war eine Anzeige mit dem Wochenprogramm abgedruckt. Unter anderem finden sich dort Verweise auf die Dramen „Jede Schuld rächt sich auf Erden“ oder „Gerettet durch den Expressreiter“, doch auch ein Film über das Kreisturnfest in Göppingen wird avisiert. Unter dem Namen „City-Lichtspiele“ wurde das Kino noch Anfang der 1970er Jahre im Adressbuch aufgeführt, bald danach dürften aber auch hier die Lichter ausgegangen sein.

Das Kino als Teil der Propagandamaschinerie

Künstlerisch gesehen wurde es freilich bereits viel früher zappenduster – und nicht nur in Zuffenhausen: Während der NS-Zeit spielten die Kinos eine wichtige Rolle in der Propagandamaschinerie. Unterhaltungsfilme sollten dazu dienen, die Menschen vom Kriegsalltag abzulenken und ihren Durchhaltewillen zu stärken. Noch wichtiger war freilich eine andere Funktion: Durch Wochenschauen oder ähnliche „dokumentarische“ Beiträge sollten die „Volksgenossen“ propagandistisch manipuliert werden. Hierfür zeichnete vor allem Joseph Goebbels verantwortlich. Er machte die deutsche Filmindustrie zu einem wichtigen Teil des Propagandaapparates. Zwar wurden die Kinos nicht verstaatlicht, dennoch hatten sich deren Betreiber an enge Vorgaben zu halten. Spielfilme mussten stets von Wochenschauen begleitet werden. Ausländische Filme wurden oftmals verboten.

Das alles hielt die Deutschen aber nicht davon ab, in die Kinos zu strömen. 1939 wurden gut 600 Millionen Kinokarten verkauft, 1944, als der „totale Krieg“ tobte und das Land im alliierten Bombenhagel lag, waren es mit 1,1 Milliarden fast doppelt so viele. Auch als ab September 1944 alle Theater geschlossen wurden, blieben die Kinos geöffnet. In der Endphase des Krieges entstand sogar noch der berühmt-berüchtigte Durchhaltefilm „Kolberg“. Eine Mammut-Produktion des Regisseurs Veit Harlan, bei der unter anderem tausende Wehrmachtssoldaten mitwirkten, die eigentlich dringend an den Fronten gebraucht wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Lichter in Deutschland langsam wieder an, und die Kinolandschaft blühte erneut auf. Auch in Zuffenhausen: Am 18. Dezember 1953 eröffneten an der Unterländer Straße 49 die „Passage-Lichtspiele“ mit knapp 600 Plätzen. Ein Jahr später, nach der Bebauung des Rotwegs, fand im Beisein von Bezirksvorsteher Gustav Ohmenhäuser an der Erligheimer Straße die Einweihung der „Heimatlichtspiele“ statt.

Doch das große Kinosterben in den 1980er und 1990er Jahren machte auch vor Zuffenhausen nicht Halt. Heute gibt es im Bezirk kein einziges Kino mehr.




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