Kolumne von Oskar Beck Als mit Fredi auf den Färöern die Post abging

Von Oskar Beck 

Im Jahr 2003 hat der VfB-Manager Fredi Bobic in der Nationalelf ein Tor gegen die Färöer geschossen und sich unsterblich gemacht. Auf einer Briefmarke, die die Färöer-Post mit seinem Bild herausgegeben hat.

Fredi Bobic ist ein gefragter Mann – als VfB-Manager und früher als Nationalspieler. Seinen Werdegang zeichnen wir in einer Fotostrecke nach. Foto: Baumann 12 Bilder
Fredi Bobic ist ein gefragter Mann – als VfB-Manager und früher als Nationalspieler. Seinen Werdegang zeichnen wir in einer Fotostrecke nach. Foto: Baumann

Stuttgart - Auf einer ernst zu nehmenden Liste der besten Reiseziele der Welt findet man in der Kategorie „Inseln“ die Färöer auf Platz eins, vor den Azoren und den Lofoten, und es gibt dafür vier Gründe: Klima, Flora, Fauna – und die schönen Briefmarken. Dabei sind die Postämter auf den Schafsinseln eher dünn gesät, und bis 1975 haben sie sich die Briefmarken sogar aus Dänemark kommen lassen.

Bobic auf der Faröer Briefmarke. Foto: StZ
Erst seither gibt das „Postverk Føroyar“ eigene heraus, doch umso mitreißender sind die Motive: Pflanzen und Tiere, Tradition und Kultur – und Fredi Bobic. So viel gleich vorweg: an den Tauschbörsen auf den Färöern kriegt man einen Bobic für drei blaue Mauritius.

Vergangenen Freitag war der VfB-Manager zu Gast beim 3:0 gegen Österreich in der Münchner Arena, und wir vermuten jetzt einfach einmal, dass er auf Wunsch von Jogi Löw, der ja sein früherer Trainer in Stuttgart war, bei der Gelegenheit auch gleich mit Blick auf das heutige Spiel auf den Färöern eine flammende Ansprache vor der Mannschaft gehalten hat – denn wenn einer den Jungs eintrichtern kann, dass es sich lohnt, in Tórshavn ein Tor zu schießen, dann Bobic. Briefmarken erzählen die besten Geschichten, und für die folgende blättern wir geschwind zehn Jahre zurück in den Juni 2003.

Fischernetze als Tornetze

Erstmals setzten Deutsche ihren Fuß auf die Färöer, die damals noch in den fußballerischen Kinderstiefeln steckten und irgendwo zwischen der Hinteren Mandschurei und dem alten Deutsch-Samoa auf circa Platz 287 der Fifa-Weltrangliste – ihre Nationalmannschaft bestand aus Schafhirten und Walfängern, die direkt von den Weiden und ihren Fischkuttern kamen, und mit den Tornetzen, die ihnen die Gegner regelmäßig vollballerten, haben sie anderntags wieder Heringe aus dem Nordmeer gefischt. Beide Mannschaften wohnten damals im selben Hotel, die Wände hatten Ohren, und deshalb bekamen die deutschen Vizeweltmeister mit, wie der Trainer der Färöer morgens beim Frühstück etwas Rundes kursieren ließ und seinen mit offenen Mündern staunenden Kickern verriet: „Das ist der Ball.“ Dann haben sich diese von der Meeresgischt gebeizten Naturburschen Holzstollen in den Absatz ihrer Rohrstiefel genagelt, ihre Wollmützen aufgesetzt – und los.

6500 Zuschauer und Tausende von fanatischen Schafen auf den Wiesen machten den Sportplatz von Tórshavn zum Hexenkessel, und Bobic hatte jahrelang Albträume, denn: „Wir haben alles getroffen, nur nicht das Tor.“ Erst mittels eines fürchterlichen Doppelschlags in der 89. und 90. Minute stutzten Miro Klose und der eiskalte Schwabe diese zähen Fußballzwerge doch noch auf einsfünfzig mit Hut zusammen – und damit begann für Bobic seine ganz persönliche Geschichte aus der Reihe „Dinge, die man nie vergisst“. Denn kurz danach hat die Färöerpost eine Briefmarke herausgebracht, auf der es auf packende Art drunter und drüber geht: Als fleischgewordene Brechstange macht Bobic darauf mehreren Wikingern das Leben zur Hölle, zu seiner Rechten und seiner Linken sieht man jeweils ein paar niedersinken, und daneben steht „6.50“ – aber jeden Färöerpfennig war Bobic in dem Moment wert. Diese Briefmarke war sein Ritterschlag – unvergesslicher kann ein Fußballer nicht verewigt werden.

Normalerweise ist der Lohn für eine große Tat beispielsweise die Umbenennung des Betzenbergs in „Fritz-Walter-Stadion“ – aber falls eines Tages ein spendabler Sponsor aufkreuzen sollte, hat der alte Held von Bern schnell nichts mehr zu melden. Auf der bunten Briefmarke des Emirats Schardscha vom Persischen Golf, die ihn einst lachend zeigte, war der große Fritz jedenfalls nachhaltiger bedient – wie Uwe Seeler, dem das Emirat Adschman eine fast noch pfiffigere gewidmet hat. Zwar thront Uwes rechter Schussfuß schillernd und prunkvoll als Bronzeskulptur vor dem Hamburger Stadion, vier Tonnen schwer, fünf Meter breit, drei Meter hoch – aber was, wenn sie irgendwann einen Parkplatz daraus machen? Oder was ist ein Bundesverdienstkreuz wert, wenn man es als Fußballer womöglich wegen Unwürdigkeit eines Tages zurückgeben muss? Jeder gefühlte Fünfte, der es bekommen hat, sitzt oder saß schon mal im Gefängnis. Ein Bundesverdienstkreuz wird nur verliehen.

Briefmarken bleiben für immer

Briefmarken nicht. Briefmarken können weder zurückgenommen noch müssen sie je zurückgeschickt werden, sie werden nicht eingeschmolzen wie Ritterorden und Heldenschärpen, oder am Ende auf dem Flohmarkt verramscht wie Eiserne Kreuze, ja sie haben sogar einen bleibenderen Wert als die glitzernden Oscars. Billy Wilder sagte als Regiegott in Hollywood: „Mit den Orden ist es wie mit Hämorrhoiden – früher oder später kriegt sie jedes Arschloch.“ Sie müssen dann wegoperiert werden.

Eine Briefmarke bleibt. Und ihr Wert steigt. In Österreich kursiert eine 75-Cent-Marke mit dem Konterfei von Franz Beckenbauer, nach einem Motiv von Andy Warhol, man kann sie bei Ebay ersteigern, Tendenz steigend – und warten wir noch hundert Jahre, dann explodiert der Preis vollends wie bei der Marke, die die Ungarn 1954 zu Ehren ihrer Weltmeister herausbrachten. Nach dem verlorenen Finale von Bern wurde sie eingestampft, und weil es weltweit nur noch fünf Exemplare gibt, schlagen sich die Sammler dafür inzwischen gegenseitig die Köpfe ein.

Bei einer Briefmarke weiß man, was man hat. Was hat dagegen Lionel Messi davon, dass sein linker Fuß von einem japanischen Juwelier aus purem Gold nachgebildet wurde und 25 Kilo schwer und vier Millionen Euro wert ist – wenn das Denkmal eines Tages womöglich von Panzerknackern gestohlen wird? Die Bobic-Briefmarke klaut keiner. Niemand kann sie dem Schützen mehr nehmen, und Jogi Löw hat nichts verkehrt gemacht, falls er Fredi Bobic mit Blick aufs heutige Spiel zu seinen Stürmern feurig hat sagen lassen: „Macht in Tórshavn ein Tor, und die Post geht ab!“

Richtig geleckt und ordentlich hingepappt klebt so eine Fußball-Briefmarke von den Färöern ein Leben lang – als Garant des ewigen Ruhms.




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