Kommentar zur Jugend Ohne die Jungen geht es nicht

Jugendliche fordern Mitsprache ein – auch  in den Medien. Am Montag haben Schüler die StZ gestaltet. Den Tag dokumentieren wir in einer Fotostrecke. Foto: Achim Zweygarth 8 Bilder
Jugendliche fordern Mitsprache ein – auch in den Medien. Am Montag haben Schüler die StZ gestaltet. Den Tag dokumentieren wir in einer Fotostrecke. Foto: Achim Zweygarth

Jugendliche sind es heute gewohnt, sich zu allen Themen zu äußern und gehört zu werden. Doch in der Politik und in den etablierten Medien fehlt dafür das Verständnis, kritisiert StZ-Volontärin Eva-Maria Manz.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Eva-Maria Manz (ema)

Stuttgart - Das Internet ist schuld. In der Online-Welt spielt es keine Rolle, wie alt jemand ist. Die Kommentare aller User gelten gleich viel oder wenig. Ist es also verwunderlich, dass Jüngere heute der Meinung sind, sie könnten, sobald sie schreiben können, bei allem mitreden?

Man kann sich darüber ärgern. Man könnte aber auch fragen: Wie denken eigentlich Jugendliche? Und sind ihre Anliegen nicht absolut berechtigt? Über die Jungen wird viel berichtet: dann, wenn sie protestieren und provozieren, wenn es zu Gewalt kommt, wie im Fall Jonny K., oder wenn es darum geht, wie viel Zeit junge Menschen vor dem Computer verbringen.

Selten sind es aber die Jugendlichen selbst, die zu Wort kommen, selten ist es ihr Blick, den die Medien vermitteln und den die Politiker berücksichtigen. Oft wird über Junge geschrieben, geforscht, geurteilt – selten von oder mit ihnen selbst. Kein Wunder, dass die Ignoranz mancher Älterer bei manchen Jungen ein Gefühl der Ohnmacht hervorruft – und wieder andere auf die Straßen treibt.

Die Jungen sind langfristig die Verlierer

Weltweit demonstrieren seit 2011 verstärkt Junge gegen soziale Missstände, ­autoritäre Regime oder die Macht der ­Banken. Vor zwei Jahren schrieb der 1984 ­geborene Publizist und Jugendforscher Wolfgang Gründinger: „Der Aufstand der Jungen hat gerade erst begonnen.“ Junge Menschen wollen sich nicht mehr damit abfinden, dass sie nicht mitreden dürfen und dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Denn die Jungen wissen, dass sie langfristig die größten Verlierer der Krisen sind – egal ob es um die Finanz- und Bankenkrisen oder die gesellschaftlichen Umbrüche in der arabischen Welt geht.

In vielen Ländern bleiben die Jungen ohne Job, als Arbeitnehmer sind sie diejenigen, die als Erste entlassen werden. Sie sollen für die Älteren zahlen und müssen ein Leben lang für die Schulden haften, die andere verursacht haben. Doch so unterschiedlich die Ursprünge der Proteste in den einzelnen Ländern sein mögen – nirgendwo sind sie ein Aufstand gegen die Älteren. Sie sind keine Angriffe, sondern ein Einsatz für mehr Mitsprache derjenigen, die später etwa mit den Folgen gedankenloser Energiepolitik leben müssen. Und derjenigen, die die Verhältnisse im Sozialstaat mit eigenen Kräften ausbalancieren sollen. Was wird aus ihren Träumen und Hoffnungen, wenn wie in Spanien nicht einmal ein guter Universitätsabschluss reicht, um die Chance auf eine Arbeitsstelle zu haben?

Es ist kein Kampf der Generationen

Wer Jugendliche zu Wort kommen lässt, erfährt, was nachdenklich machen sollte: Was die Politiker sagten, was die Medien berichteten, verstünden sie ja doch nicht, sagen viele. Die Politikverdrossenheit mancher Jugendlicher rührt daher, dass sie sich von der Politik vernachlässigt fühlen. Das muss sich ändern. Und auch die Medienmacher müssen umdenken. Denn unter diesen Voraussetzungen verwundert es kaum, dass die Jungen sich von den traditionellen Medien abwenden und für sie Twitter, Facebook und Blogs oft die erste Anlaufstelle sind.

Die Jungen kennen genauso wenig wie die Älteren die Antworten auf alle Fragen. Doch sie wollen ihre Ansichten, ihre Interessen und Begehren mitteilen – und zwar nicht erst durch das Kreuz auf einem Wahlzettel, egal ob im Alter von 18 oder 16 Jahren. Wer eine Politik ohne Rücksicht auf die Jungen macht, wer in seinen Publikationen nicht die Stimme der Jugendlichen einfängt, lässt sich die Zukunft entgehen.

Es geht nicht um einen Kampf der Generationen. Aber von einer wohlhabenden alternden Mitte der Gesellschaft können Junge nicht nur manches lernen, sondern auch etwas erwarten. Das fordern sie jetzt ein: dass ihnen etwas zurückgegeben wird. Die Jungen wünschen sich eine sozialere und gerechtere Gesellschaft. Ohne die Aufgeschlossenheit der Älteren werden sie das aber nicht erreichen können.

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