Ludwigsburg Eskalation beginnt am 6. November in einer Pizzeria

Politik: Rafael Binkowski (bin)
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Schon in der Vergangenheit war der Konflikt immer wieder hochgeschwappt – so im März 2015, als nach der Langen Nacht der Museen in Stuttgart 50 Polizisten bei Großaufmärschen verletzt wurden. Oder in diesem Frühjahr – mit nichtigen Anlässen wie einem Video, auf dem eine Kutte verbrannt wird. Die Auseinandersetzung verlagerte sich in beiden Fällen nach Ludwigsburg. Die aktuelle Eskalation nahm ihren Anfang am 6. November, als eine Gruppe von Kurden, die wohl Bahoz nahestand, in der Ludwigsburger Pizzeria Passione aufmarschierte. „Es gab ein Bedrohungsszenario“, sagt Polizeisprecher Peter Widenhorn. Zwei Wochen später brannte der Range Rover des Ladeninhabers, der den Osmanen nahestehen soll. Was die Ursache war, ist unklar. Seitdem gibt es täglich Stunk. Auch in Stuttgart wurde im „Türkenviertel“ in Feuerbach ein Auto angezündet.

Vermischung mit kriminellen Interessen

Schwierigkeiten macht der Polizei, dass die Frontlinien schwer nachzuvollziehen sind. Meistens handelt es sich auch nicht um geplante Organisationen. „Man sitzt ­zusammen, raucht Shisha und trinkt Tee“, erzählt Widenhorn, „plötzlich läuft eine andere Gruppe vorbei, und es gibt Stress.“ Immer wieder gibt es auch in Ludwigsburg Streitigkeiten unter Türken – vor allem seit dem Putschversuch vom 15. Juli bekämpfen sich Erdogan- und Gülen-Anhänger. Die Carl-Friedrich-Gauß-Schule, die Gülen nahesteht, wurde mit Graffiti und Boykottaufrufen angegriffen. Doch auch die Kurden sind sich oft uneins. Ein weiteres Problem ist, dass sich der ethnisch-religiöse Konflikt mit handfesten kriminellen Interessen vermischt.

Zwar sind weder Osmanen Germania noch Bahoz systematisch im Rotlicht- oder Drogenmilieu tätig, um sich zu finanzieren – wie man es von etablierten Rockerclubs kennt. Doch einzelne Mitglieder steigen in dieses Geschäft ein – auch über die Frontlinien hinweg. „Oft arbeitet der eine mit dem anderen plötzlich zusammen, obwohl man sich gestern noch spinnefeind war“, sagt Widenhorn. Dazu kommt eine Art Omerta, ein Schweigegesetz – die jungen Migranten gehen lieber ins Gefängnis, als mit der Staatsmacht zu kooperieren oder auszusagen.

Das LKA konzentriert seine Kapazitäten

Die Polizei nimmt den Konflikt sehr ernst, nicht nur in Ludwigsburg. „Die Zuspitzung bereitet uns große Sorge“, erklärt LKA-Experte Jäger, „es kann jeden Tag etwas Schlimmes passieren.“ Der politische Konflikt in der Türkei, von den Massenverhaftungen bis zur Debatte um die Todesstrafe, wirkt als Treibmittel und führt zu einer hohen Emotionalisierung. Dementsprechend konzentrieren die Ermittler ihre Kapazitäten landesweit auf das Problem – und setzen auf massive Präsenz. „Wir nutzen jeden Ansatz, Aufmärsche oder Schlägereien zu verhindern“, sagt Jäger. Man greife auf alle Instrumente zurück, einschließlich verdeckter Ermittlung. Sprich: Das LKA versucht, die Jugendbanden zu infiltrieren.

Auch in Ludwigsburg setzt man auf Abschreckung und konsequente Strafverfolgung. „Wir werden eine Gefährdung der öffentlichen­ Sicherheit nicht tolerieren“, erklärt Polizeipräsident Frank Rebholz. Man will schnell vor Ort sein, Drohgesten unterbinden, gleichzeitig Straftaten schnell verfolgen und anklagen. Hinzu kommt: Die Gruppen bekriegen sich vor allem untereinander. Der Normalbürger ist bisher nicht im Rocker-Visier.




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