Kontrolliertes Trinken Damit der Genuss nicht zur Sucht wird

  Foto: www.mauritius-images.com
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Abstinenz galt lange als einziger Weg aus der Alkoholabhängigkeit. Manche versuchen es lieber mit kontrolliertem Trinken.

Stuttgart - Das Glas Rotwein beim Abendessen, der Sekt beim Firmenumtrunk, die Maß auf dem Cannstatter Wasen: Alkohol ist in unserem Alltag meist fest verankert. Viele Menschen, die das Gefühl haben, ab und zu oder auch regelmäßig zu viel zu trinken, können sich daher nicht vorstellen, völlig abstinent zu leben. Sie wollen ihren Konsum lieber reduzieren, bewusster entscheiden, wann und wie viel sie trinken.

Eine Methode mit genau diesem Ziel ist das sogenannte kontrollierte Trinken (kT). Das kT wird meist als Gruppenprogramm angeboten, die Teilnehmer legen ihre Ziele dabei selbst fest. Der Ansatz werde in der Suchthilfe noch immer kontrovers diskutiert, sagt die Psychologin Sabine Becker vom Beratungs- und Behandlungszentrum für Suchterkrankungen der Evangelischen Gesellschaft (eva) in Stuttgart. Wer alkoholabhängig sei, habe keine Kontrolle, sagen viele Experten: Dann könne es gefährlich sein, weiter zum Glas zu greifen.

Die Teilnehmer lernen, ein Trinktagebuch zu führen

Becker ist der Meinung, es komme stets darauf an, zu welcher Veränderung der oder die Betroffene bereit sei. Anders als früher in der Suchtkrankenhilfe üblich, sei es heute Standard, dass zunächst einmal gemeinsam mit dem Fachpersonal herausgefunden werde, wie eine Veränderung des Konsumverhaltens aussehen solle und wie diese erreicht werden könnte. Für viele sei es einfacher, das Prinzip „ganz oder gar nicht“ zu fahren. Bei anderen könne eine Trinkmengenreduzierung dagegen gelingen. In manchen Fällen sei eine Sucht auch schon so fortgeschritten oder chronifiziert, dass eine Abstinenz gar nicht mehr möglich sei. „Dann geht es eher um Schadensbegrenzung“, so die Psychologin.

Das Konzept des kT entstand in den 60er Jahren in Australien und den USA. In den 90er Jahren machte der Psychologe Joachim Körkel es in Deutschland bekannt. Lange Zeit musste er mit Widerstand und Kritik kämpfen. Heute wird das kT vielerorts im Rahmen einer Prävention auch von den Krankenkassen bezuschusst.

Dem Gruppenprogramm vorgeschaltet sind in der Regel zwei bis drei Vorgespräche, bei denen geklärt wird, ob eine Teilnahme überhaupt sinnvoll ist. Bei dem Programm selbst erstellen die Teilnehmer jeweils einen individuellen Trinkplan. Sie lernen, ein Trinktagebuch zu führen und entwickeln Strategien zum Umgang mit Situationen, die sie zum Alkoholkonsum verleiten.

„Ich hab’ doch immer nur Bier getrunken“

Da die Hemmschwelle niedriger ist als bei klassischen Abstinenzprogrammen – diese werden in Deutschland nur von etwa fünf bis acht Prozent der Alkoholabhängigen wahrgenommen – sind die Gruppen in der Regel sehr heterogen. Viele der Teilnehmer würden normalerweise keine Suchtberatungsstelle aufsuchen, weil sie sich als nicht so abhängig begreifen, sagt Stefan Grupp von der Suchtberatung des Klinikums Stuttgart. „Der Rechtsanwalt, die Lehrerin oder auch die Hausfrau – bei uns sind häufig Klienten, die relativ unauffällig sind im Alltag. Die sagen: Ich hab’ doch immer nur Bier getrunken. Aber 0,5 Liter Bier enthalten eben gleich viel Alkohol wie drei kleine Schnäpse.“

In der Praxis hat sich die Methode bewährt. Die Rückfallquoten sind zwar ähnlich hoch wie bei Abstinenzprogrammen. Doch 20 bis 30 Prozent der Teilnehmer entscheiden sich während des Programms dazu, ganz mit dem Trinken aufzuhören. Viele schaffen es zudem, ihren Konsum dauerhaft um die Hälfte zu reduzieren, sagt Grupp, „und das ist durchaus ein Erfolg!“ Wer aber schon trocken sei, sollte lieber dabei bleiben.

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