Kultkneipe in Stuttgart-Süd Das war die letzte Nacht in der Sakristei

Von Elke Rutschmann 

Die Kultkneipe Sakristei im Stuttgarter Süden wird ab sofort Geschichte sein. Fast 100 Jahre hat sie auf dem Buckel und ist dabei aber nie in die Jahre gekommen. Ein Abschiedsabend und ein Ausblick auf die Zukunft.

Alex Milchraum (links) hat das spannende Leben der Eckkneipe mitgestaltet. Foto: StZN/Elke Rutschmann 5 Bilder
Alex Milchraum (links) hat das spannende Leben der Eckkneipe mitgestaltet. Foto: StZN/Elke Rutschmann

Stuttgart - Immer wieder wischt sich Alex Milchraum eine Träne aus dem Augenwinkel, um dann sofort wieder in ihr herzliches Lachen einzustimmen. Dieser Stimmungswechsel spiegelt an diesem Samstagabend ganz gut die Gemütslage der 33-jährigen Wirtin wider. „Zu 80 Prozent sind es Tränen, zu 20 Prozent Freude“, sagt die junge Frau. Ihre Fußball Kultkneipe Sakristei in der Eierstraße im Stuttgarter Süden wird ab sofort Geschichte sein. Fast 100 Jahre hat sie auf dem Buckel und ist dabei aber nie in die Jahre gekommen. Alex Milchraum hat das spannende Leben der Eckkneipe mitgestaltet. Vor 14 Jahren hat sie das Wirtshaus von ihrem inzwischen verstorbenen Stiefvater Heinrich Jung übernommen. Kneipenluft hat sie geschnuppert seit sie zwei Jahre alt war. Jetzt ist es Zeit für eine Luftveränderung, Zeit für etwas Neues. Milchraum hat die Kneipe und das Haus verkauft und für sich und ihre Schwester ein Häuschen in der Nähe von Waiblingen gekauft. Das schafft Abstand. „Jetzt werde ich erst mal vier Wochen gar nichts machen, mich einfach nur erholen und dann schauen wir, wohin die Reise geht“, sagt die nur 1,53 m große Person.

Versteigerung der besonderen Souvenirs und Reliquien

Aber dieser Abend gehört noch einmal ihr und ihren Gästen. Die erwartet ein kleines Vesperbüffet und Süßigkeiten auf den Stehtischen. Es gibt Bier aus der Flasche, weil die Zapfhähne schon abgestellt sind. Die meisten Stammgäste sind da. Auch das Rentnerpaar Klaus Maier und Lore Fischer, bei eingefleischte VfB-Fans sind. Aber auch einige Anhänger der Blauen. „Das war hier nie ein Problem“, sagt Alex Milchraum. Hier saßen die VfB- und Kickers-Fans friedlich beieinander und schauten Champions League. Kein Wunder – Milchraums Vater ist ein blau-roter gewesen, ihr Cousin Patrick Milchraum spielte einst für die Kickers, für 1860 München und bei Dynamo Tiflis.

Klaus Maier freut sich vor allem auf die Versteigerung der besonderen Souvenirs und Reliquien – er hofft, dass er das signierte Portrait von Konrad Kujau ergattert. Der legendäre Fälscher der Hitlertagebücher war eine Zeit lang Dauergast in der Sakristei. „Der war sehr trinkfest, stand auf harte Sachen und trank meist Wodka mit Feige“, erinnert sich Klaus Maier. Auch Alex Milchraum hat eine prägende Erinnerung an Kujau – schließlich hat ihr der Mann die Löcher für ihre Ohrstecker verpasst.

Neuer Wirt will Namen beibehalten

Bernd Röhl ist natürlich auch da. Seit 2002 ist sind die 60 Quadratmeter zu seinem zweiten Wohnzimmer geworden. Nach dem Umzug nach Stuttgart ist er eigentlich nur in die Sakristei gegangen, um nach einer Rolle Klopapier zu fragen. Die hat er vom Wirt natürlich bekommen. Und nicht nur das. „Hier herrschte immer eine ganz besondere Herzlichkeit und ein toller Zusammenhalt“, sagt Röhl. Die Alex habe den Leuten auch immer bei privaten Problemen geholfen. Matze Dietmann steht an der Theke. Er hat immer wieder umsonst hier gekellnert ,und Alex Milchraum und ihr Team unterstützt, wenn bei Fußballspielen die Kneipe rappelvoll war. Dietmann war es auch, der unter den Gästen gesammelt hat, um Alex an ihrem Abschiedsabend einen Gutschein für einen Wellnesstag zu überreichen. Aus dem Kneipenfundus hat er sich zwei Schilder als Erinnerung gesichert.

Patrick ist extra aus Frankfurt gekommen, um tschüss zu sagen. Er und Fabian haben beide um die Ecke Verfahrenstechnik studiert und regelmäßig in der Sakristei Mittag gegessen und natürlich Champions League geschaut. „Die Alex wusste nach nur wenigen Besucher wie man heißt und was man trinken will“, sagt Fabian, der sich wohl wie die anderen eine neue Heimat suchen muss, wenn er Fußball schauen will. Aber man muss abwarten, welches Konzept der neue Wirt verfolgt. Der will zumindest den Namen der Kneipe behalten.

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