Kultur-Frevel Die Solidarität gemarterter Schwestern

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Mit einer Ausstellung antiker Kunstwerke nimmt sich das italienische Aquileia der vom „Islamischen Staat“ zerstörten syrischen Ruinenstadt Palmyra an

Palmyra, bevor der IS kam Foto: Elio Ciol
Palmyra, bevor der IS kam Foto: Elio Ciol

Aquileia - Palmyra mitten in Syrien und Aquileia an der oberen Adria mögen tausende von Kilometern auseinanderliegen. Es eint sie aber ein gemeinsames Schicksal: Beide wurden von Barbaren zerstört. Aquileia im Jahr 452 von den Hunnen Attilas; Palmyra 2015 vom „Islamischen Staat“. Und weil beide Städte auch der gleiche antike Ursprung eint, hat ­Aquileia die syrische Schwester nun unter ihre Fittiche ­genommen: Unter dem Motto „Verwundete Archäologie“ zeigt die italienische Ruinenstadt den Sommer über Kunstwerke aus Palmyra.

Aquileia wie Palmyra waren Grenzstädte des römischen Reichs, durchgängig für Kultur- und Handelsströme. Über die syrische Oase zogen Karawanen mit dem Luxus des Orients gen Westen; in Aquileia wurde Begehrtes aus heute russischen Breiten umgeschlagen. Profitable Geschäfte und Begegnungen sollten die Nachbarvölker von Raubzügen gegen das Imperium abhalten: Aquileia war gegen Barbaren im heutigen Österreich gerichtet, Palmyra gegen das Reich der persischen Sassaniden.

Römisch streng – mit Turban

Reich wurden beide Städte; Palmyra war für seine Juwelen sogar derart berühmt, dass ihnen noch Charles Baudelaire in seinen „Blumen des Bösen“ ein spätes Denkmal setzte. Und wie sehr sich gerade in Syrien die Einflüsse römischer, griechisch-hellenistischer und sassanidischer Kultur vermischten, zeigen die Grabfiguren, die nun in Aquileia zu sehen sind: die Marmorporträts von Frauen etwa, voller römisch-klassischer Strenge, aber mit Turban und Schleier im Haar.

„Gesichter aus Palmyra“: Die Ausstellung will auch die Sensibilität dafür stärken, wie sehr der Mittelmeerraum über lange Jahrhunderte weg eine zivilisatorische Einheit bildete, mit dem Meer als verbindende Mitte. Aquileia folgt damit nicht nur dem britischen Historiker David Abulafia, der eine üppige „Biographie“ des Mittelmeers vorgelegt hat, sondern auch – noch spannender – einigen europäischen Tendenzen, den Koran nicht als kulturell fremdes Buch zu lesen, sondern als einen „Text der Spätantike“. So hat es die Berliner Islamistin Angelika Neuwirth vorgeschlagen. Darüber hinaus versucht der Orientalist Christoph Luxenberg (ein Pseudonym zum Selbstschutz), die Ursprünge des Korans unmittelbar im syrisch-aramäischen Christentum zu verorten.

Wo Muslime die Antike kennenlernten

Auch dieser Versuch führt geradewegs in die Gegend von Palmyra, in ein Syrien jedenfalls, wo das Christentum zu den Zeiten der (ersten) arabisch-islamischen Eroberung stärker war als in Europa. Die Muslime damals, die „Söhne der Wüste“, haben dort viel gelernt, vieles voller Bildungshunger aufgesogen. Ihre heutigen fundamentalistischen Ableger haben von diesen Fundamenten keine Ahnung mehr.

Weit über Marmor und Mosaike hinaus schließt also die kleine, edle Schau in Aquileia ein „ökumenisches“ Erinnerungspotenzial auf, das derzeit noch viel zu wenig genutzt wird.

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