Christen und Juden lebten nirgendwo in Württemberg enger als in Laupheim. Bis die Nazis kamen. Eine neue Ausstellung zieht Lehren aus der Katastrophe.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Die didaktische Runderneuerung im Laupheimer Museum zur Geschichte von Christen und Juden ist vor vier Jahren gestartet worden. Als alles so gut wie fertig war, kam der 7. Oktober, der Schrecken des Überfalls der terroristischen Hamas auf Israelis, und dann kam die neue Angst von Juden in Deutschland, die neuerdings, nach dem aufgeflogenen Potsdamer Kaffeekränzchen rechter Remigrationsfantasten, zur Angst vieler Bevölkerungsgruppen wurde. So ist nun die am Mittwoch eröffnete Dauerausstellung „Jüdische Beziehungsgeschichten“ im Schloss Großlaupheim hochaktuell. Weist sie einen Weg, wie sich gesellschaftlicher Frieden heute wahren lässt? Nun ja.

 

Sieht man ans Ende der Laupheimer Stadtgeschichte bis 1945, stehen dort Tod, Flucht, innere und äußere Zerrüttung. Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts waren rund 20 Prozent der Laupheimer Bevölkerung jüdischer Abstammung, es handelte sich um die größte jüdische Gemeinde Württembergs. Von der einstigen Synagoge, die in der Reichspogromnacht 1938 in Flammen zusammenstürzte, gibt es heute noch den Hauptschlüssel und einige andere zusammenhanglose Übrigbleibsel. Sie sind Teil der rund zwei Millionen teuren neuen Schau, die unter der Regie des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg steht und mit mehr als 600 000 Euro vom Bund gefördert wurde.

Die Ausstellung zeigt, jetzt auch mithilfe einer begleitenden App und multimedialer Mittel, wie jeder Deportation eine staatliche Beraubung von Privateigentum vorausging und wie leicht sich Gesetzesparagrafen verfassen ließen, die diesen Massenmord legitimieren sollten und die allen Zeitgenossen eine Rechtfertigung zum Schweigen und Nichtstun gaben.

Am Anfang der Geschichte liegt die Hoffnung

Die Hoffnung für jetzt und heute liegt im ersten Teil der Erzählung. Zu ihr gehört, wie sich Christen und Juden über annähernd 300 Jahre friedlich-fröhlich im Schützenverein trafen, im Tanzkurs, beim Musizieren oder bei Schulfesten. Gruppenfotos sind erhalten, die diesen Frieden belegen. Die Berliner Agentur Chezweitz, verantwortlich tätig schon für die Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin, lässt die schönen Bilderinnerungen und manche Biografie auf übergroßen Stoffbahnen erscheinen, die sich durch die Schlossräume ziehen. Je weiter man geht, desto mehr verblassen die Farben, reißt der Stoff. Bis am Ende die Bilder noch einmal groß projiziert werden, diesmal ergänzt um alle Namen abgebildeter glücklicher Laupheimer, die ermordet wurden, Suizid begingen oder ins Ausland emigrieren mussten.

Gesellschaft funktioniert durch Teilhabe und unterstützende Regeln der Obrigkeit, zeigt die Laupheimer Schau. Und wahrhaftiges Erinnern, mithin das Lernen aus der Geschichte, funktioniert nicht ohne Kenntnis von Fakten. Ohne breit verankertes Wissen in der Bevölkerung haben neue Antisemiten und Verderber aller Art ein offnes Feld. Für Paula Lutum-Lenger, Direktorin des Stuttgarter Hauses der Geschichte, ist diese Ausstellung„ein deutschlandweit bedeutsamer Lern- und Erinnerungsort“. Sie hätte auch sagen können: Eine überregional bedeutsame Kulturbastion zur Verteidigung der Demokratie.

Der „Berches“, immerhin, hat überlebt

Heute leben in Laupheim null Prozent Juden. Zwei örtliche Bäckereien immerhin backen und verkaufen noch original jüdisches Brot nach überliefertem Rezept, den „Berches“. Wie schön. Und wie traurig zugleich.