Leonberg Aufgeben ist keine Option

Von Regine Brinkmann 

Majdolin „Mimi“ Restom gewinnt ein Stipendium von „Talent im Land“.

Majdolin Restoms Leben ist  seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien  2011 aus den Fugen geraten. Foto: factum/Jürgen Bach
Majdolin Restoms Leben ist seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien 2011 aus den Fugen geraten. Foto: factum/Jürgen Bach

Leonberg - Herzlichen Glückwunsch zum Stipendium!“ Majdolin – Mimi – Restom freut sich. Die 18-jährige Syrerin hält den Brief der Stiftung Talent im Land (TiL) mit der bedeutsamen ­Betreffzeile in den Händen und freut sich. Zu Recht, denn aus allen Bewerbungen werden jährlich 300 Kandidaten zur ­Prüfung eingeladen, lediglich ein Sechstel davon erhält das TiL-Stipendium. Sie ­gehört dazu.

TiL fördert begabte Schüler aus Baden-Württemberg, deren Lebensverhältnisse eine erfolgreiche Schulkarriere spürbar erschweren und ermöglicht ihnen durch eine monatliche finanzielle Zuwendung und ein konstruktives Netzwerk den Schulbesuch bis zum Abitur. Doch nicht nur die Schulnoten sind ausschlaggebend für die Auswahl der 50 Stipendiaten. „Wir wurden in Gruppen eingeteilt, und dann haben die Prüfer beobachtet, wie wir die uns gestellten Aufgaben lösen und wie wir uns dabei verhalten“, erzählt Mimi. Kompromissbereitschaft, die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten und dabei nicht nur an den eigenen Vorteil denken, sondern die Gruppe zielorientiert nach vorne bringen – das sind Aspekte, die genauso viel zählen wie die Noten.

Sie lässt sich nicht unterkriegen

Mimi ist eine freundliche, zierliche junge Frau mit langen dunklen Haaren, großen grünen Augen und viel Courage, die ihr geholfen hat, ihr neues Leben in Deutschland zu meistern. Denn ihr altes Leben ist seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien 2011 aus den Fugen geraten.

Mimi hat acht Geschwister, sie ist das zweitjüngste Kind. Die älteren Geschwister sind im Verlauf des Krieges in Etappen nach Deutschland geflüchtet, die Eltern mit den beiden jüngsten zum Schluss. „Unser Haus in Aleppo wurde zerbombt“, erzählt Mimi, „dann sind wir zu Verwandten ins Dorf gezogen.“ Von dort vertrieb sie der IS, es ging zurück nach Aleppo. Hier wurden immer mehr Wohnviertel zerstört, sodass die Familie, wie so viele andere auch, häufig die Wohnung wechseln musste.

Der Tag, der alles veränderte

Mimi ging weiter zur Schule, im Jahr der Flucht besuchte sie die neunte Klasse. „Am Tag meiner Abschlussprüfungen bin ich morgens los“, erinnert sie sich, „und als ich nach den Prüfungen nach Hause wollte, war alles zerstört, auch unsere Wohnung, und wir wussten nicht wohin. Das war einfach schrecklich.“ Mimi erzählt sachlich von Syrien, von den Toten und Verwundeten auf den Straßen, von den Verlusten, von der Angst. Dann holt sie tief Luft und kehrt ins Jetzt zurück.

In Deutschland hat Mimi zunächst ein Jahr die Vorbereitungsklasse im Berufsschulzentrum besucht und Deutsch gelernt, bevor sie auf Empfehlung der ­Lehrer die neunte Klasse in der Gerhart-Hauptmann-Realschule wiederholte. „Ich musste mich erst an die andere Art zu ­lernen gewöhnen“, erklärt sie. „In Syrien haben wir nur aus Büchern gelernt. Hier ist der Unterricht viel praxisbezogener, und es gibt viele naturwissenschaftliche Versuche im Labor. Das gab es in Syrien nicht.“ So hat sie erst mit viel Zeit und Hilfe aus dem Internet den Inhalt des Schulstoffs verstehen lernen müssen, ­bevor es ans eigentliche Lernen ging.

Ausdauer und fester Wille

Heidi Fritz, Trägerin der Johannes-Brenz-Medaille und seit vielen Jahren ehrenamtlich im Arbeitskreis Asyl Leonberg tätig, kennt die Familie Restom seit ihrer Ankunft in Leonberg. Sie ist, ebenso wie Gerhard Keuper, stolz auf das, was Mimi mit Ausdauer und festem Willen geschafft hat. Keuper besucht die Familie regel­mäßig und hilft bei der Eingewöhnung in das Alltagsleben in Deutschland.

„Mimi hat es nicht leicht“, sagt Gerhard Keuper. Die Eltern leben mit ihren zwei Kindern in Eltingen auf knapp 50 Quadratmetern, ihr Zimmer teilt sich ­Mimi mit ihrem jüngeren Bruder. Ruhe zum Lernen zu finden, ist da nicht einfach. Zumal die Eltern kaum Deutsch sprechen: „Es ist Majdolins Aufgabe, für ihre Eltern zu dolmetschen“, erklärt ­Keuper, „sie begleitet beide zum Arzt, zum Einkaufen oder auf die Ämter.“

Dazu hilft Mimi ihrer Mutter im Haushalt, und oft, wenn die Geschwister am Wochenende zu Besuch kommen, bleibt kein ruhiges Eckchen und kein Zipfelchen Zeit mehr für die Schulaufgaben. Keuper hofft, dass das Stipendium die Dinge für Mimi einfacher macht und ihr ein wenig Freiraum verschafft.

Große Pläne

In Leonberg fühlt sich die Schülerin wohl. „Es erinnert mich ein bisschen an zuhause“, sagt sie. Ihre Eltern wären gerne zu den ältesten Kindern nach Hessen gezogen, „aber das hat nicht geklappt, und ich bin froh darüber, denn ich lebe gern hier.“ Bald kann die Familie in eine größere Wohnung ziehen, drei Zimmer werden sie dann haben. Seit September besucht die junge Frau das technische Gymnasium in Leonberg, sie will ihr Abitur machen und Architektur oder Bauingenieurwesen studieren. Sie will ihren Weg gehen, vorwärtskommen, und ihre Sichtweise ist pragmatisch: „Manches kann man einfach nicht ignorieren, wenn es einem nicht passt. Man muss es anpacken!“




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