Leonberg Mit dem Koffer voller Prothesen nach Uganda

Von Regine Brinkmann 

Der Höfinger Bernhard Kächele arbeitet während seines Urlaubs in einer orthopädischen Werkstatt.

Gorilla Silberrücken mit Frau und Tochter beim  Kraulen und Lausen im Bwindi-Impenetrable-Nationalpark. Foto: privat
Gorilla Silberrücken mit Frau und Tochter beim Kraulen und Lausen im Bwindi-Impenetrable-Nationalpark. Foto: privat

Leonberg - Als ich zum ersten Mal von Pro Uganda hörte, wusste ich sofort: Wenn ich jemals in diesem Land Urlaub machen werde, dann will ich auch einige Zeit in dieser Einrichtung helfen“, da war sich der Orthopädietechnikmeister Bernhard Kächele sicher. In diesem Jahr ist es soweit gewesen, das afrikanische Binnenland stand auf dem Reiseplan. Und damit auch der unentgeltliche Arbeitseinsatz in der orthopädischen Werkstatt von Pro Uganda.

Ugandas Reservate und Naturschutzgebiete haben den Höfinger begeistert. „Die Begegnungen mit den Gorillas und Schimpansen im Regenwald waren ein einmaliges und sehr berührendes Erlebnis für mich“, erzählt er. Zwei Wochen führte ihn die Rundreise durch die Tier- und Pflanzenwelt Ugandas, bevor er nach Kiyunga reiste, rund 60 Kilometer von der Hauptstadt Kampala entfernt, um für zwei Wochen im „Orthopedic Workshop“ von Pro Uganda mitzuarbeiten.

Schienen, Orthesen und Prothesen

Die orthopädische Werkstatt wurde 2017 mit deutschen Spendengeldern errichtet. „Hier arbeiten derzeit unter der Leitung von Aaron Bremer, Orthopädiemechaniker und Gründungsmitglied von Pro Uganda, sechs einheimische Mitarbeiter und regelmäßig freiwillige Helfer aus Deutschland. In der Werkstatt werden erstmalig behinderte und amputierte Menschen in Uganda mit Schienen, Orthesen und Prothesen versorgt“, erzählt Kächele.

Der engagierte Orthopädietechniker hat einen schweren Spendenkoffer voller Prothesenteile mitgebracht, teils aus dem eigenen Lager, teils von Kollegen gespendet. „In Uganda ist das staatliche Gesundheitswesen sehr begrenzt, die arme Landbevölkerung hat oft keine Möglichkeit, in die Stadt zum Arzt zu gelangen“, weiß er. Mit Schaudern erinnert er sich an die Mutter, die ihr unterernährtes Kind vor der Versorgung mit einer Prothese erst hätte ins Krankenhaus bringen sollen, damit es zu Kräften käme. „Sie hat ihr Kind genommen und ist gegangen. Die Behandlung ist für Bedürftige zwar kostenlos, aber die umgerechnet 20 Cent für den Bus, der sie in die Stadt gebracht hätte, konnte sie sich nicht leisten. Außerdem warteten zuhause ihre anderen Kinder auf sie, die sie nicht alleine lassen konnte.“

Die Ursachen für die Behinderungen der Menschen in diesem nach wie vor unruhigen Land sind vielfältig. Manchen Kindern fehlen von Geburt an Gliedmaße, andere Behinderungen entstehen durch Schusswunden oder Krankheiten.

Nach acht Jahren steht er auf zwei Beinen

Die Patienten finden durch Mundpropaganda zur Werkstatt, und Bernhard Kächele freut sich über die, denen er helfen konnte. Wie dem oberschenkelamputierten Teugea: „Nach acht Jahren konnte unser Patient Teugea wieder auf zwei Beinen stehen“, berichtet Kächele, „und nach kurzer Zeit legte er die Gehstützen zur Seite und meisterte lachend erste Schritte im unwegsamen Gelände.“

An einem anderen Morgen wurde ein kleiner Junge ohne Hände und fehlendem Unterschenkel in die Werkstatt gebracht. Schnell beschlossen die Fachleute, eine Beinprothese anzufertigen, und schon am späten Vormittag konnte der Kleine in die Prothese schlüpfen. „Er hat geschrien und geweint, als er die Prothese angelegt bekam, doch nach einer Stunde lief der Junge zum ersten Mal in seinem Leben grinsend und ohne fremde Hilfe auf zwei Beinen.“ Das, so Kächele, sind die Momente, wo er weiß, dass er die Zeit in Uganda gut genutzt hat. „14 Tage habe ich mich konsequent um die Patienten gekümmert. Das hat mich zufrieden gemacht“, sagt er nach kurzer Pause, „es hat gutgetan.“

Ein Problem: Die Termiten

Es hat dem Techniker in ihm auch gutgetan, sich wieder stärker auf die handwerklichen Wurzeln seines Berufes zu besinnen. Im Gegensatz zu Deutschland mit computergestützten Anpassungen und Prothesenteilen aus dem 3D-Drucker wird in der ugandischen Werkstatt alles noch manuell vermessen und Hilfsmittel mit Hilfe von Gips, Schaumstoff, PE-Material und anderen Werkstoffen von Hand hergestellt. Mit Ausnahme von Holz: „Ich habe noch gelernt, Prothesenschäfte aus Holz zu fräsen“, er grinst, „aber das geht in Afrika nicht, wegen der Termiten!“

Für Bernhard Kächele war dieser Einsatz im Urlaub wohl nicht der letzte: „Die Freude der Menschen war riesig und hat in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Ich werde bestimmt wiederkommen, um in der Werkstatt zu helfen.“

Pro Uganda

Pro Uganda wurde 2013 durch den Orthopädietechniker Karsten Schulz gegründet. Der Verein setzt sich für die orthopädietechnische Hilfe von Menschen ein, die aufgrund ihrer finanziellen Mittel und dem maroden Gesundheitssystem des Landes keine Chance auf Hilfe haben. www.prouganda.de