Leonberg Walzerseligkeit mit echtem Wiener Schmäh

Von Doris Alice Caumanns 

Beim Gastspiel der Operettenbühne Wien in der Stadthalle schwelgt das Publikum in schmelzenden Melodien, stilvollen Kostümen und Ballett vom Feinsten.

Die Zuschauer freuen sich über die schmelzenden Melodien, die prächtigen Kostüme, das dekorative Bühnenbild und die zauberhaften Balletteinlagen. Foto: factum/Granville
Die Zuschauer freuen sich über die schmelzenden Melodien, die prächtigen Kostüme, das dekorative Bühnenbild und die zauberhaften Balletteinlagen. Foto: factum/Granville

Leonberg - Der fesche Wiener Leutnant Niki ist in der untergehenden Donaumonarchie gerade widerwillig „Prinzgemahl“ von Prinzessin Helene geworden – und sein Schwiegervater Joachim XIII. erwartet, dass er die Dynastie seines Fürstentums Flausenthurn erfolgreich fortsetzt. Aber Niki „kann nicht“.

Im Gartenlokal unweit des Schlosses gastiert gerade eine flotte Wiener Damenkapelle unter Leitung der charmanten Franzi, die sich umgehend in den jungen Offizier verliebt, und auch er macht ihr Avancen.

Prinzessin Helene führt inzwischen mit Franzi ein Frauengespräch über das „gewisse Etwas“ der Weaner Maderln, hübscht sich etwas auf, verabschiedet sich von ihrem gouvernantenhaften Look – was wiederum auf Niki nicht ohne Wirkung bleibt – und des Fürsten Hoffnung auf einen Thronfolger dürfte nichts mehr im Wege stehen, während Franzi sich entsagend taktvoll zurückzieht.

Das ist der Plot der Operette „Ein Walzertraum“ von Oscar Straus, der das zweite „s“ in seinem Namen eliminiert hat, um nicht mit der Strauss-Dynastie verwechselt zu werden, die in der nicht ganz ausverkauften Stadthalle von Orchester und Ballett der Operettenbühne Wien unter der musikalischen Leitung von Heinz Hellberg und Laszlo Gyüker aufgeführt worden ist.

Ferne Vergangenheit

Das Geschehen ist eingebettet in eine Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt und den Protagonisten im Traum in die ferne Vergangenheit der Jahrhundertwende entführt. Die Inszenierung des Frühwerks von Oscar Straus (1870-1954), das 1907 in Wien uraufgeführt worden ist, in der Regie und Bühnenfassung von Heinz Hellberg, der als Wiener Sängerknabe angefangen und 1996 die Operettenbühne Wien gegründet hat, ist witzig und pustet bewusst den Staub etwas weg. Ganz nach dem Motto des Musikers und Dirigenten: „Besser gut entstaubt, als schlecht modernisiert!“

So holt die Oberhofmeisterin Friederike (Elfie Gubitzer) ihr Likörchen aus dem Versteck im Skulpturenkopf des fürstlichen Schlosses, trinkt locker eine Halbe auf ex (Sonderapplaus!), Graf Lothar (Jan Reimitz) legt schon mal einen Stepptanz aufs Parkett, erwidert „Europa hat gerade ganz andere Sorgen“ – und niest „Brexit!“

Als Leutnant Niki (Stefan Reichmann) sich weigert, eine Rede zu halten – „mir fällt nichts ein!“ – kontert der Fürst ungehalten: „Mir fällt auch oft nichts ein, und ich rede trotzdem. So ist das bei Politikern!“

Eine markante Amor-Statue mit gezücktem Pfeil ist unübersehbar mitten auf der Bühne, als es am Ende doch ernst wird zwischen Leutnant Niki und Prinzessin Helene (Ella Tyran), die sich mit ihrem glockenhellen Sopran in die Herzen des Publikums singt: „Ich hab’ einen Mann, einen eigenen Mann!“

Joachim XIII. (Viktor Schilowsky), wie eine Märchenfigur stets mit seiner Krone unterwegs – wenn er sie nicht gerade mit einer Pickelhaube vertauscht – tritt polternd auf, denn manchmal „sträubt sich ihm vor Zorn die Krone“. Dazu wirbelt Fifi, „die große Trommel“ der Damenkapelle (Susanne Hellberg) temperamentvoll über die Bühne, und Franzi (Elisabeth Hillinger) versprüht soviel echt Wiener Charme, dass man eigentlich nicht versteht, warum der Leutnant sich schließlich doch für Prinzessin Helene entscheidet.

Zauberhafte Balletteinlagen

Die Zuschauer, die wohl Fernsehauftritte von Rudolf Schock und Anneliese Rothenberger noch persönlich in guter Erinnerung haben, freuen sich über die schmelzenden Melodien, die prächtigen Kostüme, das dekorative Bühnenbild und die zauberhaften Balletteinlagen.

Ob das nicht etwas weit von uns heute entfernt ist? „Nein, gar nicht“, beschwichtigen zwei Damen in der Pause, und auch die Herren im Publikum sind sehr zufrieden. Selbst ein kleiner Junge – in Krawatte wie der Herr Papa – bestätigt, dass es ihm gut gefallen habe.

Und so gibt es oft Szenenapplaus, und beim musikalischen Leitmotiv „Leise, ganz leise klingt’s durch den Raum, liebliche Weise – Walzertraum“, einem Hit der Operettenliteratur, mit dem einst der „König des Belcanto“ Richard Tauber schon Furore gemacht hat, wiegen sich die Zuschauer innig und versunken mit.

Operette ist, wenn der Himmel voller Geigen hängt. Nur Franzi verpasst ihrem Leutnant Niki noch eine schallende Ohrfeige, ehe sie sich diskret zurückzieht.

„Einmal noch leben, eh’ es vorbei! Einmal noch lieben, lieben im Mai!“ – wer wollte dem widersprechen?