Hat ein 39-Jähriger über Jahre hinweg seine Nichte missbraucht – oder ist der Vorwurf ein Trick, bei ihm Schulden einzutreiben, wie er behauptet? Ein Prozess soll jetzt Klarheit bringen.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Backnang/Aspach - Als die Vorsitzende Richterin die Verhandlung am Montag vor dem Landgericht Stuttgart eröffnet hat, konnte der Angeklagte nicht an sich halten: Tränen liefen über sein Gesicht. Er fasste sich jedoch wieder, bevor die Staatsanwältin vorlas, was ihm vor der zweiten großen Jugendkammer des Stuttgarter Landgerichts vorgeworfen wird. In den Jahren 2009 bis 2012 soll er in mindestens zehn Fällen ein Mädchen sexuell missbraucht haben. Bei dem mutmaßlichen Opfer handelt es sich um seine Nichte.

Zu den Taten soll es bei seinen Übernachtungsbesuchen bei der Familie seiner Schwester in Aspach (Rems-Murr-Kreis) gekommen sein: Mehrere Male sei er nachts ins Zimmer seiner – damals sechs- bis neunjährigen – Nichte gekommen, habe sie geküsst, im Intimbereich berührt und auch an sich selbst manipuliert. Einmal soll er das Mädchen aufgefordert haben, sich auf ihn zu legen – danach klagte sie über Unterleibsschmerzen. Ob es zu einer Vergewaltigung gekommen war, ist unklar. In einem anderen Fall soll sich der Mann dem Mädchen im Bad genähert und sich an ihr gerieben haben. Als die Eltern vom Einkaufen nach Hause kamen, habe er laut Anklage von ihr abgelassen.

Der Angeklagte fürchtet sich in der U-Haft

Der Angeklagte streitet die Vorwürfe ab. Er sei „ein- oder zweimal“ ins Zimmer seiner beiden Nichten gekommen – allerdings nur, um ihnen mit einem medizinischen Gerät zu helfen, als beide krank gewesen seien. „Ich liebe meine Nichten“ – Hand an sie gelegt habe er nie. „Warum sollte ich das tun, wenn ich weiß, dass die Eltern nebenan bei offener Tür schlafen?“ Außerdem habe es nach dem Jahr 2010 überhaupt keine Besuche mehr gegeben.

Der Angeklagte ist keine 40, sieht jedoch älter aus. „Ich besitze nichts als das, was ich am Leib trage“, beteuerte er mit Blick auf ein T-Shirt und eine Jogginghose. Er sitzt in U-Haft, seit er sich im Februar der Polizei gestellt hatte. „Ich habe Angst, dass die anderen Gefangenen wissen, weswegen ich im Gefängnis sitze“, sagte er. Die Vorwürfe gegen ihn seien alle erlogen – und ein angebliches Motiv dafür nannte er dem Gericht ebenfalls. Seit Jahren schlage er sich als Küchenhilfe durch. Alle paar Monate wechsele sein Arbeitsplatz und sein Wohnsitz, zuletzt wohnte er in Backnang. Zu alldem kam die Sucht. „Ich habe in den Restaurants gegessen, in denen ich gearbeitet habe. Das meiste Geld floss in Alkohol, Zigaretten und Spielautomaten“, sagte er.

Mit Lügen Geld erschwindelt – auch die Familie der Schwester lieh ihm 2000 Euro

Um dies zu finanzieren, pumpte er Freunde und Verwandte an. „Einem Cousin in Schweden habe ich gesagt, ich wolle heiraten. Das war eine Lüge.“ Die 2000 Euro, die der Verwandte ihm lieh, verspielte er. Auch die Familie seiner Schwester habe ihm 2000 Euro geborgt. „Die ganze Geschichte hier geht nur ums Geld“, behauptete er. Mit den Anschuldigungen wolle man ihn dazu bringen, seine Schulden zu bezahlen.

Das mutmaßliche Opfer ist heute 14  Jahre alt, die angeblichen Taten sind mindestens fünf Jahre her. Obwohl am Montag unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine Videovernehmung des Mädchens gezeigt wurde, wird sie noch selbst aussagen müssen – nichtöffentlich. Das Landgericht hat acht weitere Verhandlungstermine für den Prozess angesetzt.

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