Manufaktur in Schönaich Schokolade mit Erklärungsbedarf

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Deutschlands kleinste Bio-Schokoladenmanufaktur befindet sich wohl in Christina Messers Keller. Dort fabriziert sie Tafeln und Pralinen aus der edelsten aller Kakaosorten. Die Produkte haben ihren Preis, weil sie nicht einfach Süßigkeiten sind.

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  Foto: factum/Jürgen Bach

Schönaich - Die erste Reaktion ist fast immer die gleiche. „Die schmeckt ganz anders“, sagt eine Frau beim Probieren der Schokolade von Christina Messer. Dann lutscht sie das Stückchen, schiebt es im Mund hin und her, runzelt die Stirn. „Ich bin eher das Süße gewohnt“, fügt sie entschuldigend an. Aber dann beugt sie sich über die vielen Tafeln, die beim Handwerkermarkt in Weil im Schönbuch auf dem Tisch ausgebreitet sind. Und Christina Messer beginnt mit ihren Erklärungen. Dass ihre Schokolade aus ökologisch und fair angebautem Criollo-Kakao besteht, sagt sie dann. Dass bei der Herstellung auf tierische Produkte oder konventionellen Zucker verzichtet wird. Und dass alles in ihrem Keller in Schönaich selbst gemacht ist.

Eigentlich Erzieherin von Beruf

Fast alle Kunden, die an dem Stand beim Handwerkermarkt im Hotel Oase in Weil in Schönbuch stehen bleiben, kaufen am Ende eine Tafel. „Ich möchte etwas abnehmen und kriege es einfach nicht hin“, erzählt die Frau, die so skeptisch ihre Stirn runzelte. Ihr Problem sei, dass sie auf Süßigkeiten einfach nicht verzichten könne. Gegen den Heißhunger setzt sie nun eine Sorte ein, die mit 75 Prozent Kakao nicht ganz so dunkel wie ihr erstes Teststück ist. „Schokolade ist etwas Gutes“, sagt Christina Messer, „aber sie ist auch zu einem Suchtmittel geworden, weil der Zucker ein Suchtmittel ist.“ Aus dem Grund verzichtete die 47-Jährige zuletzt ganz auf den Genuss – bis sie auf die Idee gebracht wurde, Schokolade selbst herzustellen.

Eigentlich ist Christina Messer Erzieherin und Heilpädagogin. Nebenher machte sie bei dem Psychologen Janos Prucsi eine Ausbildung zur spirituellen Wegbegleiterin. Von ihm kam die Idee zur eigenen Schokolade, und die Zutaten empfahl er gleich dazu, die Kakaomasse und die Kakaobutter aus Peru, „Vanille für die Liebeskräfte“, Salz aus der Kalahari-Wüste, „um die Mischung zu erden“. Schokolade ist für Cristina Messer nicht nur etwas Gutes, sie hat ihrer Meinung nach auch spirituelle Kräfte. Aber diese Ansicht müssen ihre Kunden nicht teilen. Wichtig ist ihr, dass sich die Menschen gesund ernähren und Schokolade dazu beiträgt – im Gegensatz zu den Industrieprodukten mit geringem Kakaogehalt und langen Zutatenlisten.

Eine Manufaktur im Keller

Vor vier Jahren richtete sich Christina Messer im Keller ihres Wohnhauses eine Küche ein und gründete „Mandorla Chocolate“. Sie las ein paar Bücher zur Schokoladenherstellung. Die Prozedur sei nicht wirklich schwierig, dafür jedoch aufwendig, weil alles von Hand erledigt werden muss, erklärt sie. Zum Beispiel ihre Sorte Chuncho Puro aus 100 Prozent Kakao und null Prozent Zucker. Die Masse erhitzt sie auf Körpertemperatur und rührt sie 72 Stunden lang alle drei Stunden. Höchstens 60 Kilogramm Schokolade kann die 47-Jährige im Monat herstellen. In mehr als einem Dutzend Bio-Supermärkten ist ihr Angebot erhältlich und sie betreibt einen Online-Shop. Zum Leben reichen die Einnahmen allerdings nicht, ihr Mann sorgt als Ingenieur für das Familieneinkommen.

Zur Steigerung der Konzentration

„Criollo ist die magnesiumreichste Pflanze der Welt“, schwärmt Messer. Weitere Mineralien, Enzyme und Vitamine beinhalte der Kakao. Für ihre 100-Prozent-Sorte hat sie für die Besucher am Stand beim Handwerkermarkt eine Anleitung: Am Gaumen solle man das Stück zergehen lassen, lautet ihre Empfehlung. So gehe es direkt in die Hypophyse über, mache wach und steigere die Konzentration. Beim Meditieren, Sportmachen oder Lernen soll ihre Schokolade helfen, ein kleines Stück wirke vier Stunden lang. „Ich will den Menschen etwas Gutes tun, weil reich werde ich damit nicht“, sagt sie. Neun Euro verlangt sie für eine Tafel: ihren Angaben nach ein vergleichsweise geringer Preis für alles, was drinsteckt. „Es ist nicht meines“, sagt eine andere Frau an ihrem Stand und schüttelt den Kopf. Bei Nougat hat sie Haselnüsse und einen gehaltvollen Geschmack im Gegensatz zu der dezenten Mischung aus Mandeln und Kokosblütensüße erwartet. Doch dann beginnt Christina Messer mit ihren Erklärungen und gibt ihr eine andere Sorte zum Probieren. „Ah“, sagt die Frau, „das ist angenehm.“




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