Medizin Kranke Männer

Von Christine Pander 

Das vermeintlich starke Geschlecht hat mehr gesundheitliche Probleme als Frauen: Männer sind einer Studie zufolge häufiger krank. Und sie achten zu wenig auf ihre Gesundheit. Ein wichtiger Grund ist das männliche Rollenverhalten.

Noch immer zu selten: ein Mann beim Arzt Foto: dpa
Noch immer zu selten: ein Mann beim Arzt Foto: dpa

Stuttgart - Junge Männer verletzen sich überdurchschnittlich oft: Das ist ein zentrales Ergebnis des Barmer GEK-Gesundheitsreports „Männergesundheit“, der in Stuttgart präsentiert wurde. Wissenschaftler des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung aus Hannover haben dafür Daten von rund 3,6 Millionen Erwerbstätigen aus dem Jahr 2012, die bei der Barmer GEK bundesweit versichert sind, ausgewertet.

Nach Angaben des Barmer GEK-Gesundheitsreports 2013 verletzten sich beispielsweise in der Gruppe der 15- bis 29-jährigen Männer jeder fünfte Mann mindestens einmal so stark, dass er arbeitsunfähig war. Während in Bezug auf den Bundesdurchschnitt gleichaltrige Frauen jedoch nur 1,2 Tage krankgeschrieben waren, schlugen bei den jungen Männern drei Fehltage zu Buche. Die Experten erklären sich den Unterschied damit, dass junge Männer risikoreicher sind als junge Frauen. Am häufigsten verletzten sie sich am Kopf, an der Hand, am Handgelenk sowie an Knie- und Unterschenkeln – die Folgen klassischer Sportunfälle.

Männer verletzen sich häufiger schwer

Auch von schweren Verletzungen sind junge Männer öfter betroffen als gleichaltrige Frauen: Nach Angaben der Todesursachenstatistik aus dem Jahr 2011 verstarben bundesweit im Jahr 2011 insgesamt 2 227 Männer und 537 Frauen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren an den Folgen von Verletzungen. „Die meisten Todesfälle bei den jungen Männern sind auf Verkehrsunfälle zurückzuführen, über ein Drittel geht auf Suizid zurück“, heißt es in dem Report.

Männer ab 30 Jahren haben es überdurchschnittlich oft im Kreuz: Sie fallen arbeitsbedingt am häufigsten aufgrund von Muskel-Skelett-Erkrankungen aus. Während bundesweit mehr als 31 Prozent der Männer dieser Altersgruppe Probleme mit Wirbelsäule und Rücken haben, sind es im Südwesten mit 30,8 Prozent etwas weniger.

Herz-Kreislauf-Probleme bei den „Best Agern“

Bei den sogenannten „Best Agern“, den Männern ab 50 Jahren, steigt die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Studie zeigt, dass bei vielen dieser „Best Agern“ eine Reihe von Risikofaktoren bestehen, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen, etwa Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen. Im Bundesdurchschnitt hatten 2011 bereits zwölf Prozent der Männer zwischen 50 und 64 Jahren einen Diabetes mellitus (Baden-Württemberg zwölf Prozent), 30,4 Prozent litten unter Fettstoffwechselstörungen (Baden-Württemberg 30,3 Prozent) und 42 Prozent hatten Bluthochdruck (Baden-Württemberg: 37,6 Prozent).

Laut Statistischem Bundesamt starben im Jahr 2011 bundesweit 16 494 Männer im Alter zwischen 50 und 65 Jahren an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, aber „nur“ 5797 Frauen in dieser Altersgruppe. „Die meisten der Todesfälle hätten vermieden werden können, da bei mehr als der Hälfte eine Durchblutungsstörung des Herzmuskels diagnostiziert wurde. Durch eine Änderung des Lebensstils und der Ernährung kann darauf positiven Einfluss genommen werden“, heißt es im Report.

Frauen leben derzeit 5,5 Jahre länger als Männer

Statistisch betrachtet leben Frauen derzeit 5,5 Jahre länger als Männer. Dies sei jedoch keinesfalls genetisch, sondern soziokulturell bedingt, betont Martin Dinges vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung. „Männer folgen noch oft dem Rollenstereotyp des starken Geschlechts, das Risiken eingeht, sich wenig um die Gesundheit schert und erst zum Arzt geht, wenn es brennt.“

Während Mädchen frühzeitig und regelmäßig im Rahmen gynäkologischer Vorsorgeuntersuchungen einen Arzt aufsuchen und in der Pubertät während der Regelblutung erkennen, dass es ihnen immer mal wieder nicht so gut geht, haben Jungen und junge Männer keinen Grund für einen Arztbesuch, wenn sie nicht krank werden. Mit Vorsorgeuntersuchungen kommen sie daher erst im späten Erwachsenenalter in Berührung. „Männer sind aber trotzdem weder Gesundheitsidioten noch präventionsresistent. Sie wurden bisher in Bezug auf ihre Gesundheit nur nicht zielgerichtet angesprochen“, sagt Dinges. Männer würden sehr wohl über Gesundheitsthemen reden, aber eher mit Kollegen als mit einem Arzt. Daher müsse man die aktuellen Gesundheitsangebote auf den Prüfstand stellen und Zielgruppengerecht ausrichten.

Mehr Aufklärungsarbeit erforderlich

Wie notwendig diese Aufklärungsarbeit ist, veranschaulicht auch folgendes Report-Ergebnis: Suizid ist in allen Altersgruppen die vierthäufigste Todesursache bei Männern. „Der Selbsttötung gehen oft psychische Erkrankungen voraus, gegen die Mann nichts unternimmt, weil das ein Zeichen von Schwäche wäre“, sagt Martin Dinges. Frauen werde dagegen zweimal häufiger Psychopharmaka verschrieben. Bei jungen Männern werde dagegen so lange wie möglich nach organischen Ursachen für ein seelischen Leiden gesucht (siehe auch Kasten). Ein Umdenken wäre daher nicht nur beim Patienten, sondern auch in Sprechzimmern wünschenswert.

Das Männlichkeitsbild generell muss dem Historiker zufolge auf den Prüfstand: „Die Themen Ernährung und Gesundheit sollten von beiden Elternteilen an Mädchen wie Jungen weitergegeben werden“, sagt Dinges. Wichtig sei es zudem, Männer und Jungen in ihrer Lebenswelt anzusprechen. „Männer stellen in ihrer Kommunikation überwiegend den Informationsaspekt in den Mittelpunkt. Sie sind meist an Daten und Fakten sowie an kurz gefassten und prägnanten Sachverhalten interessiert.“ In der Schule sei dies durch die Verankerung von Gesundheitsthemen im Lehrplan möglich, im Beruf über das betriebliche Gesundheitsmanagement. Auch Arztpraxen sollten Dinges zufolge auf die Lebensrealität der Männer reagieren und Sprechstunden nach Feierabend anbieten.

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