Mein Exil in Stuttgart: Die Sommerferien Lange deutsche Ferienzeit

Von Mohamad Alsheikh Ali 

Die Deutschen machen gerne und viel Urlaub, bemerkt unser syrischer Flüchtlingsreporter. Schulferien hatte er früher in Syrien auch, aber die hat er anders verbracht.

Die Ferienflieger heben wieder ab. Foto: dpa
Die Ferienflieger heben wieder ab. Foto: dpa

Stuttgart - Ich rufe einen Arzt an, um einen Termin zu vereinbaren. Es ist nur der Anrufbeantworter dran mit der Botschaft, mein Arzt sei im Urlaub. Ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde sagt mir, dass er auch im Urlaub sein wird. Es dauert nicht lange, bis ich das schon wieder höre. Ich frage mich, wie viel Tage pro Jahr machen die Deutschen eigentlich Urlaub? Es kommen ja auch noch Feiertage hinzu.

Urlaub in Syrien verbinde ich nur mit Feiertagen. Zwar hatten wir als Schüler auch Sommerferien. Aber die verbrachten wir damit, den Eltern zu helfen, in der Landwirtschaft zu arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu sichern. Eine schöne Abwechslung war, Verwandte und Bekannte zu besuchen und mit ihren Kindern zu spielen. Die meisten Syrer konnten sich Urlaub außerhalb des Landes oder in einer anderen Provinz nicht leisten. Eine Urlaubsplanung gleich zu Anfang des Jahres, die Suche nach Hotels und Attraktionen, wie sie hier üblich ist, kam aus finanziellen Gründen nicht in Frage.

Wie eine Schafherde vor einem Hirten läuft

Ich kann mich noch an einen Nationalfeiertag erinnern, als ich in der dritten Klasse war. Damals mussten wir feiern, dass Hafiz al-Assad unser Land beherrscht hat: Schüler, Studenten, Arbeiter, alle. Der Schulleiter zwang uns, an dieser Feier teilzunehmen. Ich war ein Kind und erwartete eine Art Karneval, also laute Musik, Lieder und Spiele für Kinder. So wie hier in Deutschland, wo der Tag der deutschen Einheit mit viel Spaß und Trubel begleitet wird. Aber all das gab es nicht.

Schon allein bei den Gedanken an diesen ersten schicksalhaften Feiertag spüre ich Schmerzen. Ich musste drei Kilometer zu Fuß bei sonnigem und regnerischem Wetter laufen – mit einem großen Bild des „großen Führers“ in der Hand. Ich hielt das Bild und umarmte es, wie eine Mutter ihr Kind umarmt, weil ich Angst hatte, es könnte in den Schlamm fallen oder nass werden vom Regen. Wie eine Schafherde vor einem Hirten liefen wir vor unserem Schulleiter her, bis wir endlich einen Platz erreichten. Dort saßen die Parteiführer in ihren Uniformen und lauschten einer Art Poesie, die Assad verherrlichte.

Wie ein Satz in einem heiligen Buch

Als ich versuchte, mich dem Podium zu nähern, fand ich mich auf dem Boden wieder. Jemand hatte mich geschubst. Ich stand schnell wieder auf und suchte verzweifelt nach dem Foto des Präsidenten. Ich dankte Gott, dass es nicht zerrissen war. Das hätte Ärger gegeben. Als die Zeremonie vorbei war, ging es den langen Weg zu Fuß wieder nach Hause.

Die Feiertage waren nicht für uns als Annehmlichkeit gedacht, sondern dienten dazu, an die Baath-Partei und den Herrn Präsidenten zu erinnern. Gott sei Dank ist das hier anders. Hier muss ich mir keinen Satz merken, der von Angela Merkel gesagt wurde, wie einen Satz in einem heiligem Buch, so wie wir früher die Worte von Hafiz al-Assad lernen mussten. Zumindest werden unsere Kinder diese hier nicht lernen. Sie werden hier nur lernen, sich selber und ihre Heimat zu heiligen.

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