Mercedes-Einstieg Ist die Formel E die Zukunft des Motorsports?

Schnell und leise: Die Formel E zu Gast in Berlin auf dem Flugfeld Tempelhof, wo im Juni zwei Wettfahrten stattgefunden haben. Foto: dpa 13 Bilder
Schnell und leise: Die Formel E zu Gast in Berlin auf dem Flugfeld Tempelhof, wo im Juni zwei Wettfahrten stattgefunden haben. Foto: dpa

E-Mobilität ist die Herausforderung der Automobil-Branche – da verwundert es nicht, dass auch in Sachen Motorsport Mercedes aus der DTM aussteigt und sich von der Saison 2019/2020 an in der zukunftweisenden Formel E engagiert.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Stuttgart - Es ist ein sanftes Surren, wie bei einem Auto mit Funkfernsteuerung. Ein Quietschen von Gummi auf Asphalt, wie wenn man im Parkhaus enthusiastisch in die Kurve biegt. Es ist der Sound of silence. Mercedes mischt von der Saison 2019/2020 an bei den leisen Wettfahrten der Formel E mit. Die Motorsport-Abteilung des Konzerns hat bekannt gegeben, dass sie nach der Saison 2018 aus der Deutschen Tourenwagen-Masters-Serie (DTM) aussteigen und ihre sportliche wie technische Konzentration auf die elektrische Rennserie lenken wird. Das Engagement in der Formel 1 bleibt davon unberührt.

Formel E, das ist Motorsport ohne jaulende Turbomotoren, ohne vibrierende Schallwellen, die sich um die Rennstrecke ausbreiten. Altgediente PS-Freunde lieben das brachiale Knattern und das klagende Kreischen eines Verbrennungsmotors auf vollen Touren; Menschen mit Benzin im Blut und Stöpseln in den Ohren klagten vor zwei Jahren, die Formel 1 sei zu brav, weil zu leise. Für sie ist Formel E so reizvoll wie ein „Tatort“ am Sonntag ohne Leiche. Jean Todt versteht diese Leute nicht. „Sie vergleichen die Formel E mit anderen Rennserien“, sagt der Präsident des Automobil-Weltverbands Fia, „aber sie ist eine Rennserie mit ihrer eigenen Charakteristik.“ Wie man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen sollte, so verbietet es sich, die Formeln 1 und E gegenüberzustellen. In der ­E-Serie zollt der Motorsport dem Zeitgeist Tribut, der alternative Antriebe erforscht; die Formel E ist im Grunde die Fortschreibung der Formel 1, die seit 2009 mit Energierückgewinnungssystemen Leistung generiert und in Batterien bis zum Abruf speichert.

Das grüne Konzept besitzt Potenzial

„Es geht nicht darum, die Formel 1 zu verdrängen“, betont Formel-E-Boss Alejandro Agag, „ich bin großer Formel-1-Fan, ich hoffe, sie wird nie verschwinden. Sie ist ein globales Event mit Millionen Fans, in dem es um viel Geld geht. Die Formel E ist eine andere Rennserie.“ Derzeit fährt sie mit zehn Teams und 20 Piloten in der dritten Saison, an diesem Wochenende findet in Montreal das Finale mit den Läufen elf und zwölf statt. Die Entscheidung um den Titel fällt zwischen dem Schweizer Sebastien Buemi (157 Punkte) und dem Brasilianer Lucas di Grassi (147).

Mit den E-Rennern möchte Señor Agag Gewinne erzielen wie jeder Motorsport-Promotor. Noch verdient der 45 Jahre alte Spanier aber kein Geld. Im ersten Jahr belief sich das Defizit der Formula E Holding (FEH) auf 56 Millionen Euro, im zweiten Jahr waren es 34 Millionen Minus. Das sei bei der Markteinführung eines Produktes normal, meint Agag und verspricht, in einigen Jahren gebe es schwarze Zahlen.

Zu den Anteilseignern zählen Motorsport Network (Digitale Medien), Qualcomm (Mobilfunktechnologie), Discovery Communications (Eurosport, DMAX) sowie Liberty Global, ein Schwesterkonzern von Liberty Media. Dass der neue Formel-1-Rechteinhaber auch in E-Rennen investiert, mag ein Indiz sein, dass die Finanzwelt überzeugt ist: Es heißt nicht, entweder Formel 1 oder Formel E – sondern es gilt: sowohl als auch.

Das grüne Konzept besitzt Potenzial, weil es versucht, anders zu sein als die übrigen PS-Jagden. Die Wettfahrten finden nicht auf Traditionsstrecken in der Provinz wie in Spa, Silverstone oder Spielberg statt, sondern in Metropolen wie Hongkong, Marrakesch, Buenos Aires, Paris, Berlin und New York. Motorsport kommt zu den Menschen und nicht umgekehrt, lautet die Devise. Die Formel 1 träumt seit Jahren vom Grand Prix in New York, die Formel E hat die Hatz um den Big Apple gewonnen. Vor knapp 14 Tagen rasten die E-Renner vor der Skyline Manhattans. „Kompliment, dass das gelungen ist“, sagt Audi-Abt-Fahrer Lucas di Grassi, „die Premiere in dieser Metropole war ein Meilenstein.“

Zu Audi und BMW stößt jetzt auch Mercedes hinzu

Meilenstein ja, aber fraglos ist der Weg zu einer internationalen potenten Serie noch weit. Insgesamt 10.000 Zuschauer sahen die zwei Rennen am East River, 20.000 Fans gelten gemeinhin als gut besucht. Bei der Formel 1 zuletzt in Silverstone wollten mehr als 100.000 Fans allein am Sonntag Lewis Hamilton sehen. Auch im Fernsehen kommt die Formel E voran wie ein Brummi am Aichelberg. Zwar sitzen Fahrer mit Formel-1-Vergangenheit wie Nick Heidfeld im Cockpit, weltweit schalten im Schnitt lediglich sechs Millionen Menschen bei den Rennen ein; die Formel 1 kommt bei den Großen Preisen im Schnitt auf 80 Millionen TV-Zuschauer. Promotor Agag ist das bekannt, er hat einen Plan: „Wir müssen neue Wege gehen und die Fans noch mehr einbeziehen, denn die Übertragungsweisen der Rennserien verändern sich.“

Die Autokonzerne kennen diese ausbaufähigen Reichweiten, dennoch glauben viele an den Erfolg. BMW hat kürzlich entschieden, 2018 mit einem Werkteam teilzunehmen, nächste Saison übernimmt Audi das Team Abt-Schaeffler, bei dem der Hersteller bereits mit im Boot saß. Renault, DS (Citroën), Mahindra und Jaguar sind schon Formel-E-Mitglieder. „Mit dem Engagement tragen wir der Entwicklung der Automobilindustrie zu nachhaltiger und emissionsfreier Mobilität Rechnung“, sagt BMW-Vorstandsmitglied Klaus Fröhlich, Motorsportdirektor Jens Marquart ergänzt: „Die Formel E hat sich fantastisch entwickelt und passt als technologiebasiertes Projekt perfekt zu BMW.“ Zu den deutschen Premiummarken Audi und BMW stößt nun noch Mercedes im Jahr 2019. Bei Porsche wird derzeit intensiv darüber diskutiert, wie der Sportwagen-Hersteller aus Zuffenhausen der Formel E begegnen will.

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