Misteln auf Streuobstwiesen Die Zerstörung ist auf dem Vormarsch

Von Thomas Krämer 

Immer mehr Misteln nisten sich in den Bäumen auf den Streuobstwiesen ein. Der Befall steigt laut Experten rapide. Wenn nicht bald gegengesteuert werde, könnte es zu spät sein, warnt ein Kenner.

Der   Obstbaumexperte Walter Hartmann hat ein waches Auge auf die zunehmende Verbreitung der Misteln auf den Bäumen der  Streuobstwiesen. Foto: Thomas Krämer
Der Obstbaumexperte Walter Hartmann hat ein waches Auge auf die zunehmende Verbreitung der Misteln auf den Bäumen der Streuobstwiesen. Foto: Thomas Krämer

Filder - Die Mistel, eine geschützte Pflanze? „Das glauben immer noch viele“, sagt Walter Hartmann. Doch es stimmt nicht. Man dürfe sie nur nicht verkaufen. Zurückschneiden darf und sollte man den Halbschmarotzer sogar, der jetzt im Winter als immergrüne Erinnerung an die warme Jahreszeit in den Kronen der Bäume ganz einfach zu erkennen ist.

Die Mistel ist eine große Gefahr vor allem für die auf den Fildern wichtigen Streuobstwiesen. Walter Hartmann, ein ausgewiesener Kenner der Obstbaumarten, hat im Herbst die Apfelbäume im Streuobstwiesengebiet „Felle“ in Bonlanden näher untersucht. Das erschreckende Ergebnis: Wuchsen 2012 auf nur 16 Prozent der Apfelbäume Misteln, waren im vergangenen Herbst fast zwei Drittel befallen. Nahezu verdoppelt – auf 23 Prozent – hat sich auch die Zahl der Apfelbäume mit mehr als 20 Mistelzweigen. Und noch etwas sei interessant: „Der Befall greift mittlerweile auf jüngere Bäume über“, sagt Hartmann besorgt. Er vermutet, dass das „Felle“ symbolisch für viele weitere Gebiete steht.

Bringt der Klimawandel mehr Misteln?

Über kurz oder lang kann der Befall mit dem Halbschmarotzer, der Wasser und Nährstoffe aus seinem Wirtsbaum saugt, zum Absterben der Wirtspflanze führen und das besonders dann, wenn die Obstbäume ohnehin schon unter Stress stehen. Ein Grund für die zunehmende Verbreitung der Mistel sind nach seiner Ansicht die vom Klimawandel verursachten höheren Temperaturen. Die kommen nicht nur der Pflanze, sondern auch den Vögeln entgegen, die die Beeren auf andere Bäume tragen. Ein Beispiel dafür: Die Pappeln im Bombachtal in Bonlanden, „von denen die Infektion auf die umliegenden Streuobstwiesen überging“, sagt Hartmann. Die Misteln seien mittlerweile für viel Geld herausgeschnitten worden – für ihn ein Fehler. „Die Mistel kommt nach wenigen Jahren wieder“, prophezeit er. Hartmann hätte die Bäume in einigen Metern Höhe gekappt, „sie treiben wieder aus“, sagt der Baumkenner.

Auch in den Stuttgarter Fildervororten nimmt der Befall der Bäume mit Misteln kontinuierlich zu, bestätigt das Garten-, Friedhof- und Forstamt. Betroffen seien Pappel, Linde, Apfel, aber auch Ahorn und weitere Arten. Eine Gefahr für die Streuobstwiesen erkennt man beim Amt jedoch noch nicht. „Die Entwicklung wird aufmerksam beobachtet.“

Es werde viel zu wenig getan

Walter Hartmann schätzt die Situation ganz anders ein. Er befürchtet, dass es in zehn Jahren ohne eine deutlich intensivere Bekämpfung der Mistel schlecht um die Streuobstwiesen bestellt sein wird, und er erinnert an den Feuerbrand, der vor einigen Jahren auch mithilfe einer Verordnung erfolgreich bekämpft werden konnte. „Wir haben damals keinen einzigen Baum auf den Fildern verloren“, sagt er erfreut. Dank dieser Verordnung habe man auch auf fremden Grundstücken in den Streuobstwiesen tätig werden können, sagt Hartmann, der auch im Fall der Misteln eine solche Verordnung fordert und sich mit diesem Vorschlag bereits an die Landesregierung gewandt hat. Es wird, bedauert Hartmann, viel zu wenig getan, denn es gibt nur eine Möglichkeit, die Verbreitung der Mistel zu stoppen: Man muss sie sorgfältig aus dem Baum schneiden – aus jedem befallen Baum. Ansonsten werden Vögel die Mistelbeeren wieder in die Umgebung tragen. In Filderstadt gab es im vergangenen Sommer ein internationales Jugend-Workcamp, bei dem die Teilnehmer Misteln zurückschnitten. „Nach einem Vortrag von Walter Hartmann im November haben wir außerdem mehrere Termine zum Mistel-Rückschnitt organisiert“, sagt Claudia Arold vom Filderstädter Umweltschutzreferat. Das Interesse der Freiwilligen habe jedoch seit dem ersten Termin im Dezember abgenommen. Arold hofft auf hohe Beteiligung beim nächsten Treffen Ende März.

Auch in der Nachbarkommune ist man sich des Problems bewusst. „Wir haben schon mehrere Container Misteln zurückgeschnitten“, sagt Katja Siegmann vom Umwelt und Grünflächenamt in Leinfelden-Echterdingen. Im Rahmen des Freiwilligen Ökologischen Jahres würden nun zudem die Streuobstwiesen auf ihren Befall hin kartiert. Dies ist angesichts von geschätzt allein rund 1800 Streuobstbäumen auf städtischen Flächen eine zeitraubende Aufgabe. Für das Stuttgarter Garten-, Friedhofs- und Forstamt hat die Beseitigung der Misteln jedoch aktuell keine hohe Priorität. „Wenn starker Befall festgestellt wird, wird die Beseitigung der Misteln beauftragt, sofern an den Bäumen weitere Maßnahmen erfolgen“, sagt eine Sprecherin.

Was macht man mit den abgeschnittenen Misteln?

Ein großes Problem sind laut allen Beteiligten die privaten Streuobstwiesen. „Die Eigentümer sind nicht dazu verpflichtet, etwas gegen die Mistel zu tun“, sagt Katja Siegmann. Immer weniger Eigentümer kümmern sich um ihre Bäume. Entweder, weil es ihnen das Alter nicht mehr erlaubt, sie weggezogen sind oder schlicht kein Interesse an ihrem – finanziell wenig lukrativen – Eigentum haben. Auch der Naturschutzbund Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen denkt nach Worten von Sprecher Bernd Mang darüber nach, sich am Rückschnitt der Misteln zu beteiligen. „Darüber führen wir gerade Gespräche mit dem Umwelt- und Grünflächenamt von Leinfelden-Echterdingen.“

Doch was macht man mit abgeschnittenen Misteln? „Zu den Grünschnitt-Sammelplätzen auf den Deponien bringen oder in die Bio- oder Restmülltonne stopfen“, rät Jens Häußler von der Obst- und Gartenbauberatung beim Landkreis Esslingen. Der Vögel wegen sollte man sie weder auf den Kompost werfen, noch auf den Wiesen liegen lassen.

In Baden-Württemberg gehen jährlich 100 000 Bäume verloren

Jährlich gehen etwa 100  000 Streuobstbäume in Baden-Württemberg verloren. Das legt eine aktuelle landesweite Streuobsterfassung der Uni Hohenheim nahe. Es handelt sich dabei um einen fortlaufenden Trend. Ermittelt wurden die Bestände auf Grundlage von Luftbildern. Der Verein Hochstamm ist von diesen Zahlen alarmiert. Es müsse dringend gehandelt werden. Aktuell werde ein Markenzeichen entwickelt, um es Verbrauchern leichter zu machen, heimische Äpfel zu kaufen. Zudem hat der Verein beantragt, Streuobst als immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO anzuerkennen.

Aus diesem Grund hat sich der Nabu Filder jüngst darauf verständigt, den Kampf gegen die Misteln zu einem Schwerpunktthema zu machen. Die Idee ist, Jugendliche dafür zu gewinnen, befallene Bäume von Misteln zu befreien.




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