Die Menschen sehen sich kaum noch in die Augen. Sie schauen ins Handy. „Kopf hoch!“, möchte man ihnen zurufen. Ein Kommentar von Lokalchef Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Dieser Meinungsbeitrag beginnt mit einer These. Sie besagt: Wenn Heinrich Hoffmann, der 1809 geborene Autor des weltberühmten „Struwwelpeters“, seinen Pädagogik-Bestseller heute schreiben würde, hieße der Junge, der aus Unachtsamkeit erst einen Hund über den Haufen rennt und dann ins Wasser fällt, nicht Hans Guck-in-die-Luft, sondern Hans Guck-ins-Handy. Widerspruch?

 

Auffällig ist doch, dass kaum jemand mehr verträumt in den Himmel guckt – oder wenigstens geradeaus. Stattdessen sind die Straßen voll von Menschen, die dumpf ins Smartphone stieren. Man muss nur mal selbst den Blick vom Handy abwenden und seine Umgebung betrachten: überall Leute, die wie hypnotisiert in ihre kleinen Apparate schauen und in fortgeschrittenem Stadium regelrecht damit verschmelzen. Nennen wir sie Handyaner – zu erkennen an ihrer gebeugten Haltung. Davon gibt es viele. Gesenkte Häupter sind zu einem Erkennungsmerkmal unserer Zeit geworden.

Ob in der Stadtbahn, beim Einkaufen oder im Restaurant – die Menschen sehen sich kaum noch in die Augen. Sie schauen ins Handy. Selten aus Notwendigkeit, oft aus Langeweile oder Gewohnheit, manchmal aus innerem Zwang. Darunter leidet auch die Fortbewegung. In Bozen im Südtirol haben die Behörden jetzt Laternenmasten mit neonfarbenen Schaumstoffkissen versehen – eine Schutzmaßnahme für Handyaner, die blind durch die Gegend laufen. Die Kissen sind Teil der Kampagne: „Stay smart“. Sie warnt vor Abhängigkeit: „Lassen Sie sich nicht anstecken und zu einem Social Zombie machen! Schalten Sie Ihr Handy bei Tisch, während eines Gesprächs oder im Restaurant aus und geben Sie der realen Kommunikation Vorrang!“ Kopf hoch! – das wäre auch eine Botschaft fürs mobile Stuttgart.

Aura der Sprachlosigkeit

Denn nicht nur die Kopfhaltung und die Motorik des Menschen ändern sich. Das Handy formt auch die Einstellung zu den Dingen. Neben allen Vorzügen, die es unbestritten hat, ist es immer auch eine Ablenkungsmaschine. Handyaner leiden unter Sprunghaftigkeit. Und unter Blässe. Wäre das Handy ein Spiegel, würde ihnen seltsam leere Augen entgegenblicken und sie würden erschrecken über die Aura der Sprachlosigkeit, die sie umgibt. Neulich saß im Café eine Familie am Nachbartisch: Vater mit Handy, Mutter mit Handy, Junge mit Handy, Mädchen mit Handy. Alle eins mit ihren Kästchen. So nah und doch so fern. Wie das Paar im Restaurant, das schweigend sein Essen fotografiert und versendet – jeder für sich. Keine Ausnahmen, sondern Standardsituationen. Oft genug ist man selbst Teil davon. Ohne es zu merken. Wie paradox: Im Kommunikationszeitalter versiegt die unmittelbarste Form der Kommunikation: das Gespräch mit dem Gegenüber.

Das heißt nicht, dass es ohne Handy automatisch besser ist. Soziale Apathie ist allem Anschein nach ein zeitloses Phänomen. Daran erinnert Kurt Tucholsky, der beim Anblick von gleichgültig dasitzenden Bahnfahrern zu Beginn des Jahrhunderts notierte: „Man wünschte sich in solchen Augenblicken ein Wunder herbei, etwa dass dem Polizeisoldaten an der Ecke Luftballons aus dem Maul steigen, nur damit jene einmal Maul und Nase aufsperrten.“ So ist es in der Großstadt oft: Es fehlt an Zugewandtheit – ob mit oder ohne Handy.

jan.sellner@stzn.de