Mysterium in Stuttgart-Plieningen Was bedeutet das Q auf den Schildern?

Von Caroline Holowiecki 

Unbekannte haben in Stuttgart-Plieningen Verkehrszeichen manipuliert. Steckt dahinter eine Verschwörungstheorie, die ihren Ursprung in den USA hat?

Offenbar wurden nur Schilder im direkten Umfeld der Kelley-Barracks manipuliert, wie hier bei Steckfeld. Foto: Caroline Holowiecki
Offenbar wurden nur Schilder im direkten Umfeld der Kelley-Barracks manipuliert, wie hier bei Steckfeld. Foto: Caroline Holowiecki

Plieningen - Die Veränderungen sind leicht zu übersehen. Es sind nur kurze schwarze Klebestreifen. Auf den Fildern ist auf Tempo-60-Schildern aus der Null jeweils ein Q gemacht worden. Flächendeckend hat jemand diesen Aufwand betrieben. Zu sehen sind die manipulierten Schilder an den Straßen vom Asemwald in Richtung Tränke und zwischen Steckfeld und Möhringen. „Ob das was mit dem QAnon-Verschwörungsmythos zu tun hat?“, fragt eine Frau aus Hohenheim unsere Zeitung.

Der Schluss liegt nahe. Bei QAnon oder einfach nur Q handelt es sich um eine Verschwörungstheorie, die in den USA entstanden ist und dort offenbar viele Anhänger hat. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz nahm die Bewegung im Oktober 2017 ihren Anfang, als über ein Internetforum vermeintlich exklusive Informationen veröffentlicht wurden, wonach Donald Trump einen internen Krieg gegen den „Deep State“ führe, also gegen verborgene Eliten in Politik und Gesellschaft. Der Buchstabe Q ist eine Anlehnung an die Q-Clearance, die höchste Freigabestufe für geheime Informationen des US-Energieministeriums, die der unbekannte Schreiber besitzen will. Anon steht für Anonymous. Die Veröffentlichungen sind in der Regel kryptische Meldungen, die breiten Auslegungsspielraum lassen. Vieles klingt bizarr. So sollen etwa in unterirdischen Lagern Kinder gefoltert und ermordet werden, um ein Lebenselixier aus ihnen zu gewinnen.

Offenbar wurden nur Schilder in unmittelbarer Nähe der Kelley-Barracks manipuliert

In Deutschland ist QAnon im Zuge der Corona-Demos erstmals im größeren Stil in Erscheinung getreten. Bundesweit waren und sind die Anhänger bei den Protestveranstaltungen zu sehen. Auch Prominente wie die Musiker Xavier Naidoo und Sido hatten zuletzt eine gewisse Nähe zu den Theorien erkennen lassen. Laut Bundes-Verfassungsschutz bietet QAnon auch Anknüpfungspunkte für rechtsextremistische Ideologeme, etwa durch die Behauptung, die handelnden Eliten des „Deep State“ seien Linke oder Juden. Es lägen Hinweise darauf vor, dass sowohl einzelne Rechtsextremisten als auch eine Reihe von Reichsbürgern der QAnon-Theorie anhängen.

In Stuttgart wiederum ist auffällig, dass offenbar nur Schilder unmittelbar neben den Kelley-Barracks verändert wurden. Eine Sprecherin teilt für den zuständigen Pressechef Lawrence Reilly mit, dass man die QAnon-Bewegung aber nicht kenne. „Wir haben das Q-Symbol nirgendwo auf unseren Anlagen bemerkt, noch haben wir von Amerikanern auf den Anlagen gehört, die sich auf das Symbol und seine mögliche Bedeutung beziehen, und uns ist keine Verbindung zu in Stuttgart lebendem US-Personal bekannt“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.

Wer Schilder bemalt, beschädigt städtisches Eigentum

Im Rathaus löst das Thema Erstaunen aus. Man werde sich das Ganze vor Ort anschauen und den Ursprungszustand der Schilder wiederherstellen, teilt Martin Thronberens, ein Verwaltungssprecher, mit. Erneut loszuziehen, ist für den Verursacher durchaus riskant. „Die Beschädigung oder Verunstaltung von Straßenschildern ist eine Beschädigung von öffentlichem Eigentum und damit strafbewehrt“, stellt er klar. Man müsse die Täter allerdings auf frischer Tat ertappen.

Wie viele Anhänger die Q-Bewegung hierzulande hat, ist unklar. Sie wird vom Landesamt für Verfassungsschutz nicht beobachtet, daher können keine Aussagen zu Aktivitäten getroffen werden, sagt Julian Illi, ein Sprecher. Dennoch gibt er auch den Hinweis, dass sich derartige Verschwörungstheorien zu einer Gefahr entwickeln können, wenn antisemitische oder gegen politische Funktionsträger gerichtete Gewalttaten mit der Behauptung einer Bedrohung durch den „Tiefen Staat“ legitimiert werden. Erkenntnisse, dass es bislang in Deutschland derartige Motive etwa bei judenfeindlichen Delikten gegeben habe, lägen nicht vor.




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