Nach der Blamage bei Holstein Kiel So leckt der FC Bayern seine Wunden

Niklas Süle (links) und der FC Bayern hatten in Kiel das Nachsehen Foto: AFP/FABIAN BIMMER
Niklas Süle (links) und der FC Bayern hatten in Kiel das Nachsehen Foto: AFP/FABIAN BIMMER

Das erste Titelziel ist für den FC Bayern dahin. Der Rekordmeister ist weit entfernt von seiner Triple-Form – aus guten Gründen. Trainer Hansi Flick will die Probleme nach dem Aus im DFB-Pokal schnell in den Griff kriegen.

Sport: Marco Seliger (sem)
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Kiel/Stuttgart - Oliver Kahn hat sich den Schneesturm von Kiel erspart, dabei wäre der künftige Vorstandschef, so lehrte das dieser denkwürdige Winterabend, der ideale Ansprechpartner gewesen nach der Blamage des FC Bayern München im DFB-Pokal beim Zweitligisten KSV Holstein. Denn wann hat es so etwas zuletzt gegeben, ein Scheitern der Bayern in der zweiten Pokalrunde? Genau, vor knapp 20 Jahren: mit Kahn im Tor, der die Niederlage im November 2000 im Elfmeterschießen beim 1. FC Magdeburg damals so wenig verhindern konnte wie jetzt der Welttorhüter Manuel Neuer, der am Mittwoch in Kiel nach dem 2:2 nach Verlängerung keinen der sechs Elfer hielt.

Via Twitter meldete sich Kahn dann immerhin aus der Ferne zu Wort und zwitscherte zwei warnende Sätze: „Ein enttäuschender Abend in Kiel. Jetzt müssen wir schleunigst im neuen Jahr ankommen.“

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Das müssen sie wohl, die Bayern, da reichte am Mittwoch schon der Blick auf die Kieler Ehrentribüne, wo der Ehrenpräsident Uli Hoeneß und der Noch-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge dick verpackt in Maske und Schal saßen und irgendwann den Eindruck machten, dass sie nicht mehr wussten, wie ihnen geschah. Und das lag nicht nur am eisigen holsteinischen Schneesturm. Immer tiefer sanken Hoeneß und Rummenigge in ihre blauen Schalensitze und blickten schockgefroren ins Leere. Auch sie waren offenbar wie die Jungs in den roten Trikots unten auf dem Rasen noch nicht ganz angekommen, in diesem Jahr 2021. In dem ist es zum Start ungemütlich geworden für die Bayern, das immerhin war hinterher allen Beteiligten klar.

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Für den amtierenden Triplesieger, das nur zur Einordnung, ist das Scheitern in der zweiten Pokalrunde das erste Aus in einem großen Wettbewerb, seitdem Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League mit 3:1 in München gewann. Das war im März 2019. Also vor fast zwei Jahren. Seither haben die Bayern alles abgeräumt, was es abzuräumen gab. Sie hatten, wenn man so will, einen langen Lauf – den sie jetzt seit einiger Zeit wieder haben, das allerdings in die andere Richtung, wie das Trainer Hansi Flick nun bei der Pressekonferenz in Kiel sagte: „Im Moment ist das so ein Lauf, den wir haben.“

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Rückwärts läuft es für den Rekordmeister – dabei zweifelten manche Experten noch im vergangenen August nach dem famosen Triumph in der Champions League (und dem epochalen 8:2 gegen den FC Barcelona) daran, ob diese überirdischen Bayern noch von dieser Fußballwelt sind. Nach diversen schwachen Auftritten in dieser Saison aber ist spätestens jetzt nach der erschütternden Leistung von Kiel klar: Ja, die Bayern sind bei den Normalos angekommen – was irgendwie zutiefst menschlich erscheint.

Denn wer alles gewinnt und in den Monaten danach kaum Erholungsphasen hat (auch nicht für den Kopf), dem fällt es schwer, sich wie jetzt im Pokal, bei Schnee und Sturm, in einem Zweitligastadion gegen einen Zweitligagegner, so zu motivieren und in jeden Zweikampf so zu gehen, als wenn es in der Königsklasse gegen Barcelona geht. Irgendwann ist die letzte Gier weg. Und irgendwann wird jeder müde. Das weiß man beim FC Bayern. Jeder Spieler, alle Verantwortlichen. Nur wird das nie jemand sagen. Und auch nicht als Ausrede gelten lassen.

Wie tritt der SC Freiburg in München auf?

Was man von diesen internationalen Top-Profis bei aller Müdigkeit allerdings erwarten darf, ist, dass sie einfachste Abwehrfehler (zu hoch stehen, Anfälligkeit für simple lange Bälle in den Rücken der Abwehr) nicht in jedem Spiel darbieten. Die Defensive des FC Bayern erinnert in diesen Wochen an das kleine Kind, das jeden Tag aufs Neue die heiße Herdplatte berührt – die Bayern lernen nicht aus ihren Fehlern. Und dies ist wohl das alarmierendste Zeichen für Flick.

Es braucht nicht viel Fantasie, um zu erahnen, was der SC Freiburg mit Coach Christian Streich vor der Bundesliga-Partie in München am Sonntag (15.30 Uhr) einstudiert. Es sind lange Bälle hinter die Schnittstelle der Abwehr. Und Flachpässe durchs Zentrum, auf durchstartende Stürmer.

Viele Profis sind nicht in Form

Flick jedenfalls muss sich inzwischen Fragen gefallen lassen, warum seine Mahnungen offenbar nicht ankommen bei seinen Jungs, die er in der vergangenen Saison zu spielerischen und taktischen Höchstleistungen trieb. Und warum er, wenn die Automatismen vorne nicht mehr greifen mit dem riskanten Balljagen und dem Pressing, seinen Spielern hinten nicht sagt, dass sie einfach mal zehn bis 15 Meter tiefer stehen sollen, um das Risiko, überspielt zu werden, zu minimieren. „Das Gegentor zum 1:1 in Kiel, das sind Dinge, die wir angesprochen und trainiert haben, da muss ich die Tiefe absichern, das hat nichts mit zu hoch stehender Kette zu tun“, sagte der Coach – der auch noch mit einem anderen Problem zu kämpfen hat.

So sind viele Bayern-Profis im Januar 2021 außer Form. Sie heißen Serge Gnabry, Niklas Süle, David Alaba und Alphonso Davies. Und sie heißen Leroy Sané, Douglas Costa, Marc Roca und Bouna Sarr. Letztere sind Neuzugänge. Keiner von ihnen war bisher eine Verstärkung – was die Arbeit für Hansi Flick erschwert, weil sich für ihn wenige geeignete Alternativen auftun, um die Stammkräfte in dieser kräftezehrenden Saison auch mal schonen zu können.




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