Nachwehen in Wiesensteig Jägermeister will aus Schusslinie

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Der Hauptkritiker des gescheiterten Baumwipfelpfads in Wiesensteig ist als Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins zurückgetreten. Schuld sei der Bürgermeister.

Drei Monate nach dem Aus für den Baumwipfelpfad kauft immer noch nicht jeder Wiesensteiger in jedem Geschäft ein. Foto: Horst Rudel
Drei Monate nach dem Aus für den Baumwipfelpfad kauft immer noch nicht jeder Wiesensteiger in jedem Geschäft ein. Foto: Horst Rudel

Wiesensteig - Im Oktober ist er einstimmig als Chef des Wiesensteiger Gewerbe- und Fremdenverkehrsvereins bestätigt worden. Jetzt ist Andreas Pohl zurückgetreten. Er verband dies mit schweren Vorwürfen gegen den Bürgermeister Gebhard Tritschler und den Gemeinderat. Seit Monaten werde keine Gelegenheit ausgelassen, „mir nicht nur als Vorsitzendem, sondern auch privat übel mitzuspielen“, schreibt Pohl in einem vierseitigen Brief, den der Gewerbeverein auf seiner Internetseite veröffentlichte. All dies gehe ihm an die Substanz.

In einer Krisensitzung am Dienstagabend beschloss die verbliebene Vereinsspitze, dass vorerst die beiden Stellvertreter Thomas Beisenwenger und Rudolf Frieß die Geschäfte weiterführen. Man habe in der Ausschusssitzung „ruhig, sachlich und gelassen die verschiedenen Möglichkeiten erörtert“, heißt es in einer Mitteilung. Offenbar hatte auch die Auflösung des Vereins zur Debatte gestanden, in dem knapp 30 Unternehmen und Selbstständige organisiert sind. Die Arbeit läuft vorerst auf Sparflamme. Gegenwärtig seien keinerlei Aktivitäten geplant.

Wiesensteig kommt nicht zur Ruhe

Mit Pohls Rücktritt finden die Verwerfungen, die mit der Debatte über den Bau eines Baumwipfelpfads am Bronnen beim Reußenstein begonnen haben, einen neuen vorläufigen Höhepunkt. Pohl, der eine florierende Jägerschule betreibt, hatte den Gewerbe- und Fremdenverkehrsverein gegen das von Landrat Edgar Wolff und Bürgermeister Tritschler unterstützte Vorhaben in Stellung gebracht. Der Baumwipfelpfad ziehe zu viel Verkehr an, zerstöre die geschützte Natur und bringe den vorhandenen Tourismusbetrieben kaum Vorteile, lautete die Argumentation. Doch die Debatte wurde hochemotional. Zwei Wochen vor einem Bürgerentscheid gab der Investor, die Erlebnis-Akademie aus Bad Kötzting, auf.

Die Streitereien nahmen damit kein Ende. Zwei Tage nach dem Wipfelpfad-Aus bat der Fremdenverkehrsverein im Rathaus um einen Termin, um dem Gemeinderat seine Alternativkonzepte zur Belebung des Tourismusgeschäfts vorzustellen. „Das war uns zu früh. Wir wollten erst einmal durchatmen“, sagt der Stadtrat und zweite stellvertretende Bürgermeister Thomas Weimper. Im Verein fehlte dafür aber offenbar das Verständnis. Zu einem öffent­lichen Informationsabend Mitte November lud man den Bürgermeister und den Gemeinderat nicht gesondert ein, dafür die Rathauschefs aus der Nachbarschaft. Tritsch­ler und die Stadträte blieben der Veranstaltung daraufhin beleidigt fern und stellten ihre Sicht im Amtsblatt dar, was das Fass nun wohl zum Überlaufen brachte. „Ich werde abgestempelt als Beleidiger und Beschimpfer“, klagt Pohl. Offenbar erwägt er mittlerweile, sich auch mit seiner Jägerschule aus dem Ort zurückzuziehen. Zwischenzeitliche Expansionspläne in Wiesensteig verfolge er jedenfalls nicht weiter.

Tritschler will nach vorne schauen

Tritschler wollte die neuerlichen Vorwürfe nicht kommentieren. „Ich habe das Gefühl, dass die Menschen jetzt nach vorne schauen wollen“, sagte er. Bei seinem Jahresrückblick im Wiesensteiger Gemeinderat hatte er die Bürger aufgefordert, die Gräben zuzuschütten. Nach wie vor gebe es Menschen, die bestimmte Geschäfte mieden, weil deren Inhaber die eine oder andere Meinung im Wipfelpfad-Streit vertreten hätten. Solche Einstellungen müssten so schnell wie möglich überwunden werden.

Bei der Erlebnis-Akademie war man über Pohls Rücktritt bereits informiert. Am Donnerstag feiert das Unternehmen auf Rügen Richtfest für das dortiges Wipfelpfad-Projekt. Auch in Baden-Württemberg liefen Gespräche für ein neues Projekt – allerdings nicht auf der Schwäbischen Alb. Das könne man dem Göppinger Landrat und dem Wiesensteiger Bürgermeister nicht antun.