Nachwuchs Ein Talent namens Vlachodimos

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Laut Bruno Labbadia fördert kaum ein Club seine jungen Talente so intensiv wie der VfB. Eine Serie zur VfB-Nachwuchsarbeit: die Torhüter.

Nach dem dritten Platz mit der deutschen Nationalelf bei der U-17-WM in Mexiko hütet der Stuttgarter Odisseas Vlachodimos nun das Tor der A-Junioren des VfB. Foto: Pressefoto Baumann
Nach dem dritten Platz mit der deutschen Nationalelf bei der U-17-WM in Mexiko hütet der Stuttgarter Odisseas Vlachodimos nun das Tor der A-Junioren des VfB. Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart - Während an Stuttgarter Fußball-Stammtischen noch eifrig debattiert wird, wie die VfB-Torhüterfrage "Sven Ulreich oder Bernd Leno?" von Januar 2012 an beantwortet werden sollte, ist fernab dieses Luxusproblems ein drittes Stuttgarter Torhüterjuwel bislang noch konkurrenzlos glücklich: Odisseas Vlachodimos heißt der 17-jährige Schlussmann mit dem für schwäbische Zungen ungewöhnlichen Namen. Dabei stammt "der Odi", wie die Mitspieler sagen, aus Stuttgart-Wangen.

Was internationale Aufgaben angeht, muss der Deutsch-Grieche Vlachodimos, der Neffe des ehemaligen Kickers-Profis Niko Chatzis, vorläufig pausieren. Schließlich hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) dem Torwart wie einigen seiner Jahrgangskollegen eine "Erholungspause bis zum Jahresende" auferlegt. Immerhin ist für den 1,90-Meter-Mann in der Vorsaison einiges los gewesen: Da reiste Vlachodimos zusätzlich zum Bundesligaalltag mit den B-Junioren des VfB im Januar nach Südspanien ins Trainingslager der deutschen U-17-Nationalelf, im Februar zu einem Viernationenturnier in Portugal, ehe im März die EM in Serbien und im Juni/Juli als Höhepunkt die U-17-WM in Mexiko anstand.

"Mexiko war natürlich eine fantastische Sache", erzählt Odisseas Vlachodimos, die uneingeschränkte Nummer eins des DFB-U-17-Trainers Steffen Freund, über die WM, die inklusive der Vorbereitung sechseinhalb Wochen gedauert hat. Vor allem das Spiel um Platz drei gegen Brasilien, das die Deutschen vor 80.000 Fans im Aztekenstadion von Mexiko City mit 4:3 gewannen, löst beim Stuttgarter noch immer eine Gänsehaut aus: "Da habe ich mal einen Vorgeschmack bekommen, wie es auswärts bei einem Bundesligaspiel sein könnte."

"Auf der Linie sehe ich meine größte Stärke..."

Vorerst ist für den jungen Torwart aber wieder der Alltag angesagt, nun bei den VfB-A-Junioren, wo er bis Sommer 2013 spielen kann. "Der Odi hat eine sehr gute Entwicklung genommen", lobt Andreas Menger das jüngste Talent der Marke VfB. Menger trainiert die Bundesliga-Schlussleute und ist obendrein der Chef des Torwarttrainerteams: "Bei ihm gibt es sehr viel Licht - und nur noch ein bisschen Schatten."

Allerdings, so erklärt Menger, könne ein Torwart mit 17 Jahren allein im physischen Bereich auch noch gar nicht ausgereift sein. Das sieht Vlachodimos genauso: "Auf der Linie sehe ich meine größte Stärke - doch mir fehlt noch einiges an Erfahrung. Es wäre ja auch schlimm, wenn ich schon perfekt wäre", sagt der 17-Jährige, den die Mitspieler als umgänglichen Typen beschreiben.

Montags, mittwochs und freitags ist einmal, dienstags zweimal Training, samstags ist Spiel - so sieht Vlachodimos' Alltag aus, der die Realschule absolviert hat und nun eine Lehre als Kaufmann für Bürokommunikation beim Landessportverband (LSV) absolviert. Dabei nimmt der LSV auf das Pensum des Nachwuchskeepers Rücksicht, der neben den Einheiten mit der Mannschaft und seinen Girotonic-Sitzungen, den Übungen zur Muskeldehnung und Stabilisierung, torwartspezifisch von Fachleuten ausgebildet wird: Bei den A-Junioren vom Torwarttrainer Martin Topp zusätzlich zum Gruppentraining des VfB-Torwartkoordinators Eberhard Trautner. Zuletzt durfte Vlachodimos mal bei den Profis mittrainieren, was der Torwarttrainerchef Andreas Menger als "ein Bonbon" bezeichnet. Auch der junge Schlussmann ist glücklich über die Chance, bei Cacau, Sven Ulreich und Co. reinschnuppern zu dürfen. "Ich bin sehr froh, dass ich bereits mit 17 vom Profitrainer Bruno Labbadia gefordert werde", sagt Odisseas Vlachodimos, "das ist ja nicht selbstverständlich."

"In Stuttgart wird die Torwartschule schon lange großgeschrieben"

Spezifisches Torwarttraining ist derweil für Andreas Menger ein unverzichtbarer Teil der Entwicklung junger Schlussleute - auch, damit sich in den Bewegungen gewisse Automatismen einspielen. "Wir haben inzwischen eine neue Torhütergeneration. Das ist nicht mehr vergleichbar mit uns früher. Da hatte gerade mal die Bundesligamannschaft einen Torwarttrainer", sagt der 39-Jährige, der über die Stationen Reutlingen, Ulm und Fürth seine Glanzzeit beim 1. FC Köln erlebte, wo er in der Nachfolge von Bodo Illgner 41 seiner 45 Bundesligaspiele absolvierte. "In der Jugend hat bei uns meist der Assistenztrainer auf das Tor geschossen", sagt Menger: "Verbunden mit dem Wunsch: ,Junge, halt den Ball!"'

Dass die Torwartposition eine ganz spezielle ist, hat man beim VfB schon früh erkannt: "In Stuttgart wird die Torwartschule schon lange großgeschrieben", sagt Menger, der erst seit dieser Saison beim VfB ist: "Da darf ich dem Ebbo Trautner, dem Thomas Walter von der zweiten Mannschaft und den anderen Torwarttrainern ein großes Kompliment machen." Wichtig sei auch die individuelle Betreuung der Schlussleute vor und nach dem Spiel: "Dabei sprechen wir das Torwartspiel extra durch. Auch der psychologische Aspekt spielt auf dieser Position eine große Rolle", sagt Menger.

Dass die VfB-Torwartschule in Sven Ulreich, dem nach Leverkusen ausgeliehenen Bernd Leno, mit Loris Karius, der als 16-Jähriger zu Manchester City wechselte und nun dritter Torhüter in Mainz ist, sowie in Odisseas Vlachodimos viele starke Schlussleute hervorgebracht hat, freut Menger: "Unsere drei sind gut ausgebildet, dazu lernwillig und eifrig. Um es auf den Punkt zu bringen: das sind gute Jungs."