Nationaltheater Mannheim Wer flieht, hat immer recht

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Volker Lösch inszeniert im Nationaltheater Mannheim von Aischylos „Die Schutzflehenden“ und arbeitet sich mit einem Bürgerchor an der deutschen Asylpolitik ab.

Lehmverschmiert auf der Flucht – Szene aus Volker Löschs Bearbeitung der „Schutzflehenden“ Foto: Hans Jörg Michel
Lehmverschmiert auf der Flucht – Szene aus Volker Löschs Bearbeitung der „Schutzflehenden“ Foto: Hans Jörg Michel

Stuttgart - Wie lehmverschmierte Kartoffeln kullern die Schutzflehenden über eine schräge Sortierrampe in den Vordergrund der kargen Bühne und verschmutzen den glatten, aseptischen Grund mit ihren dreckigen Gewändern. Ihre Gesichter sind kaum zu erkennen, auch wenn das gleißende Scheinwerferlicht jede Pore, jede Falte ausleuchtet und abtastet. Flüchten heißt leiden. Und das Leid hinterlässt Spuren. Schandmale. Man entkommt sich selbst nicht mehr. Nur die Augen blitzen aus den schlammigen Knäueln hervor. Die Gepeinigten richten sich auf und rufen im Chor: „Zeus, Flüchtlingshort / Schau gnädig herab auf unseren Zug.“

Ein Bild für Götter. Und was für eines! Volker Lösch hält, was man sich von ihm verspricht: sinnliches Spektakel. Der frühere Hausregisseur des Stuttgarter Schauspiels ist bekannt für seine effektreichen Arbeiten mit Laienchören – und berüchtigt für ein intellektuell eher unterforderndes Agitprop-Theater. Auch mit seiner Mannheimer Inszenierung der „Schutzflehenden“ von Aischylos wird Lösch seinem Ruf als Literaturverkleinerer gerecht, der aus journalistischen Debattenbeiträgen mehr destilliert als aus hochprozentiger Kunst.

Am Nationaltheater präsentierten nun Schauspielprofis und Laienspieler der angeschlossenen Bürgerbühne die Ergebnisse einer Recherche, die den Auswirkungen der Flüchtlingskrise nachspüren will. Protokolle von Sozialarbeitern, Flüchtlingsanwälten oder Asylbewerbern aus dem Kosovo werden deklamiert; Winfried Kretschmanns verbale Windungen nach dem Deal ums Abschiebeverfahren in vermeintlich „sichere Herkunftsländer“ und Botho Strauß’ unsäglicher Bocksgesang im „Spiegel“ („Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen“) werden klangvoll desavouiert. Der Chor unter der Leitung von Christoph Jöde leistet ganze Arbeit und artikuliert auch dann noch verständlich, wenn sich zungenbrecherische Paragrafenprosa mit Aischylos’ gottesfürchtiger Poesie im Reißverschlussverfahren abwechseln.

Mehr Fragen als Antworten

Doch auch in der 2500 Jahre alten Tragödie findet der Leser mehr Fragen als Antworten, etwa jene, weshalb die Danaiden ihren lebensgefährlichen Weg nach Argos angetreten haben. Es heißt im Text, die Frauen flüchteten mit dem greisen Danaos aus ihrer ägyptischen Heimat vor einer Zwangsverheiratung mit ihren Vettern, aber dieses Motiv bleibt nur schwach umrissen. Literarische Leerstellen öffnen normalerweise Deutungsräume. Ist die Flucht vielleicht das vorläufige Ende einer feministischen Revolte? Welche schicksalsträchtige Rolle spielt der rhetorisch gewiefte Danaos, den Ragna Pitoll als latent aggressiven Sicherheitsbeauftragen in Tarnkleidung anlegt? Und angesichts der drohenden Rache durch Ägyptens Söhne: Ist es verwerflich, wenn der Grieche Pelasgos zum Schutz des eigenen Volkes zaudert und zwischen Staatsräson und dem Recht auf Asyl schwankt? Lösch aber mag keine tragischen Abgründe ausloten. Lösch findet: Wer flieht, hat recht. Immer. Und so ist ihm Aischylos’ Tragödie kaum mehr als ein antiker Steigbügel, mit dem er sich aufs wutschnaubende Ross einer vorbehaltlosen Willkommenskultur schwingt, um gegen die Windmühlen der deutschen Asylpraxis anzurennen.

Akteure sprechen zum Publikum

Die Akteure sprechen meist zum Publikum, sie klagen, sie jammern, sie berichten. Bloß spielen, das tun sie nicht. Das Problem an Löschs Kurzschlussdramaturgie: Der Einzelne zählt wenig auf seiner fulminanten, von Carola Reuther gebauten Bühne – ähnlich wie in der Bürokratie, die der Regisseur anprangert. Deswegen auch ist Pelasgos bei Matthias Thömmes ein grimassierender Bedenkenträger im Goldanzug, der zwischen den Schutzflehenden wie ein Konfirmand mit schwacher Blase umhertanzt. Sein Hadern ist kein Suchen nach Vernunft, es ist Sinnbild für eine menschenverachtende Verwaltung, die nichts als die „Rechtlosstellung der Schutzsuchenden“ bezweckt. Am Ende dürfen die Frauen in Argos bleiben, die Schutzflehenden vom Balkan aber werden ins Elend abgeschoben. Und schuld an allem sind: wir. Jemand ruft noch euphorisch „Deutschland ist für alle auf der Welt“, dann ist’s vorbei. Kräftiger Applaus für viel Lösch und wenig Aischylos.




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